Die 20 besten (und streitbarsten?) Jugendromane der letzten 20 Jahre

Wenn man pro Jahr etwa 150 Jugendromane liest, so ist erstaunlich, wie wenige Bücher nachhaltig in Erinnerung bleiben und woran sich nachhaltiges Erinnern genau bemessen lässt. So ist es mir peinlicherweise schon passiert, dass ich nach 50 Seiten eines gar nicht so schlechten Romans feststellen musste, dass ich das Buch schon gelesen hatte, ich mich aber partout nicht an den (recht beliebigen?) Inhalt erinnern konnte. Andererseits bleiben schlechtere Werke über Jahrzehnte hinweg im Gedächtnis. Mit Episoden bis hin zu ganzen Textpassagen. Gerade streitbare Werke! Bücher, die alle gut finden sind oft etwas fade. Bücher die polarisieren, sind interessanter, da man sofort in einen belebten Diskurs einsteigen kann. Mal ein paar Beispiele:

Man kann über John Boyne „Der Junge im gestreiften Pyjama“ denken wie man will, das Buch entfacht sofort eine Diskussion. In akademisch-literarischen Kreisen ist der Titel geradezu ein Wutbringer, der dem Autor wohl ewig als „Machwerk“ vorgeworfen werden wird. Ich selbst finde das Buch im Übrigen durchaus interessant, gerade weil es solche Diskussionen auslöst.

„Nichts“ von Janne Teller oder „Opfer“ von Jesper Wung-Sung wurden ähnlich kontrovers diskutiert. Oder gewisse literarische Schocker, die mit sexueller Freizügigkeit, feuchten Gebieten oder auferstandenen Massenmördern laborieren, damit auch noch das letzte Tabu fallen kann, lasse ich hier mal aus, auch wenn gerade Jugendliche diese Bücher verschlungen haben dürften.

Beginnen möchte ich die „Top 20 of 20“ mit einem ebenfalls polarisierenden Werk, das seinerzeit aus dem Rahmen fiel und das obendrein eine interessante Rezeptions- und Werkgeschichte vorzuweisen hat. Die Rede ist von dem schwedischen Autoren Jan Guillou und seinem Roman „Evil – Das Böse“, der 2005 bei Hanser erschienen ist. Damit ist der Roman zwar keine 20 Jahre alt, aber eigentlich viel älter. Die Originalausgabe erschien bereits 1981 und war zu dieser Zeit, da selbt die Thematisierung von Homosexualität im Jugenroman noch undenkbar war, nicht für die Zielgruppe der ab 14jährigen sondern als politischer Roman für Erwachsene gedacht. Die späte deutsche Übersetzung verdankt der Roman dem gleichnamigen Film, der 2004 in die schwedischen Kinos kam, für Furore sorgte und als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde. Somit einmal der umgekehrte Weg. Der Film führte in Deutschland zum Buch.

Der Roman thematisiert Gewalt in allen Facetten und er geht offensiv mit dem rechtsradikalen bzw. faschistischen Erbe in Schweden um. Ein Thema das Jan Guillou u.a. mit Autoren wie Henning Mankell oder Mats Wahl teilt. Erzählt wird aus der Perspektive des 14jährigen Erik, der wegen gewalttätiger Übergriffe von der Schule suspendiert und von seiner Mutter auf ein Privat-Schule gesteckt wird, wo die Hackordnung bzw. die strenge Hierarchie extrem ausgeprägt sind. Mit der Unterbringung will die Mutter den Sohn zugleich aus der Schusslinie des Vaters wissen, der ihn wegen nichtiger Vergehen täglich auf brutalste gezüchtigt hat. Die Episoden mit dem Vater bilden gleichsam die Klammer des Romans, der der moralischen Frage nachgeht, ob sich das Böse mit dem Bösen bekämpfen lässt. Der Vater ist eine Größe des Bösen, die letzthin besiegt wird. Ob damit auch das Böse besiegt wurde und ob es jemals besiegt werden kann, sind die interessanten Fragen dieses Romans, der „das Böse“ auch als geschichtliche und pathologische Größe einzubringen weiß.

Man lasse den Text und damit die Eingangssätze sprechen:

„Der Schlag traf ihn hoch am rechten Wangenknochen. Und genau das hatte er beabsichtigt, als er sein Gesicht um einige Zentimeter schräg nach oben gedreht hatte, während sein Vater zuschlug. … Der Vater war stolz auf den Schlag, er bildete sich etwas darauf ein, schnell und überraschend zulangen zu können.“

Und der Roman endet mit folgender Szene:

„Hör mir gut zu, Vater. Du bist das personifizierte Böse und als solches musst du vernichtet werden. In ungefähr einer halben Stunde wirst Du dich im St.-Görans-Krankenhaus wiederfinden.“

Zwei Textauszüge, die die Explosivität dieses Romans belegen dürften, den man einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen wird. Erik ist nicht wie wie so oft in Jugendromanen das Opfer, sondern Opfer und Täter zugleich. Er entwickelt sich vom Opfer tagtäglicher Gewalt zum Rächenden. Er opponiert gegen eine übermächtige Gewalthierarchie und -aristokratie, die als Sinnbild für eine ganze Gesellschaft des Geldadels zu stehen hat und die er mit ihren eigenen Waffen schlägt. Ein Sieg, der fade schmeckt, weil seine Stärke als Schläger aus einer jahrelangen Opferrolle resultiert. Der Bösewicht wird zwar vermöbelt aber nicht besiegt. Sein Typus wird weiterbestehen und ob eine Gesellschaft jemals ohne eine Gewalthierarchie auskommen kann, bleibt offen. Der Held Erik jedoch wird mit der Illusion entlassen, dass die Rache am Vater seine letzte Gewalthandlung ist.

Erträglich für den Leser wird die Aussage einzig und allein durch die zeitliche Distanz zur Handlung (spielt in den 60ern) und damit der Illusion oder Hoffnung, dass sich an den Grundprinzipien etwas geändert haben könnte.

Dass Erik die Kraft und das Vermögen hat, zurückschlagen zu können, dass er quasi physiologisch als „Sieger gemacht ist“, dürfte männlichen Lesern behagen. Denn wer wünscht sich nicht einen Helden, der siegreich ist und bleibt. Einer der nur seine wahre Stärke bezähmt. Ein Schema, das als Erfolgsrezept in zahlreichen Superheldencomics enthalten ist und das man auch als Schwäche des Romans diskutieren könnte.

„Jan Guillou erzählt, von Gabriele Haefs packend übersetzt, nüchtern-kalt, fast emotionslos und mit nahezu technischer Präzision. Entstanden ist ein suggestiver, oft genug atemberaubender Text über Moral, Gerechtigkeit, Autorität und die Kraft, die richtige Entscheidung zu treffen.“ So urteilte 2006 die Kritiker-Jury als sie den Titel für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte. Diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen.

Und das Beste zum Schluss: Der Roman ist als Taschenbuch noch lieferbar!

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