Kanada/ Big Salmon River 2018

Prolog: Es war irgendwann im Frühjahr, als ich das regionale Mitteilungsheftchen des DAV in die Hände bekam und an einem gewissen Örtchen durchblätterte. „Allein auf dem Yukon!“ oder so ähnlich stand da mittenmang und ich dachte „Wow!“. Die Recherche ergab allerdings wenig Erbauliches. Der Yukon ist breit, endlos lang, schnell fließend und bei weitem kein Abenteuer. Aber da waren einige Zuflüsse, die mein Interesse erregten. Begeistert trug ich das mögliche Abenteuer meiner Familie vor, doch die Ablehnung war resolut und alle Überzeugungsversuche scheiterten. Zu weit, zu aufwendig und … es gibt Bären. Gott sei Dank gibt es aber Freunde mit Resturlaub. Und so konnte das Abenteuer im April geplant und eingetütet werden. Einmal organisiert und terminiert, geriet die Reise in relative Vergessenheit. Als wir dann im August aufbrachen, war die Freude mindestens so groß, wie die grenzenlose Naivität, mit der wir denkbar schlecht vorbereitet und ausgerüstet zu Werke gingen. Außer, dass wir gehungert und gefroren haben, ist nichts weiter passiert, aber das hätte auch anders ausgehen können ….

27. August Whitehorse Versuchter Einkauf mit kläglicher Ausbeute und überteuerte Übernachtung in Cowboyhotel mit Trucklärm von der Straße. Wärmedämmung scheint ein Fremdwort zu sein und wie die Häuser ökologisch vertretbar minus 40 Grad abhalten, ist mir ein Rätsel.


28. August Starbucks mit einem Publikums-Gemisch aus sehr dicken Kurzbesuchern, die noch ein Küchlein naschen oder dünnen Kaffee schlürfen wollen, wunderlichen Obdachlosen, die geduldet Selbstgespräche führen und Reisenden, die wichtig ihr Tagebuch schreiben. Danach kurzer Einkauf und die Bestätigung, dass man ohne Bärenspray nicht auskommen wird, aber bei Wind um den Bären herumlaufen muss, um den Kampfstoff nicht selbst abzubekommen. Interessant! Der sehr deutsche, das heißt ordentlich strukturierte Thomas de Jaga im Aufbruchsfieber, bei dem wir noch eine Tonne ( nach Ermahnung wegen schlechter Planung) mieten können. Die war später unser wichtigstes Möbel. Fahrt mit einem Truck bei besten Straßenbedingungen mit einem 19zehnjährigen aus Reutlingen, der hier ein Jahr als Hühnerwächter (400) und später als Guide bei Thomas de Jaga verbracht hat. Netter Junge, wirklich! Mit uns im Wagen ein Grazer Ehepaar, mit dem wir uns über Trump und österreichische Politik aufregen können.

Quite Lake: langer Rinnensee, der spiegelglatt vor uns liegt. Statt der erwarteten Einsamkeit, viele Condor-Flug-Ankömmlinge.Wir ziehen noch weiter bis zum Sandy Lake zu einer etwas muchtigen Stelle, wo der Regen uns in die Zelte treibt.

Pistenanfahrt zum Quite Lake

28. August Kurze Fahrt zum Big Salmon Lake mit einer offenen, sandigen und eindrucksvollen Zeltstelle. Nur der aufkommende starke Wind bereitet Sorgen.

Big Salmon Lake

29. August Aufbruch ohne Frühstück, um den See bei weniger Wind zu überqueren. Der lässt erst nach, als wir es schon geschafft haben. Vor uns  die eilige Abfahrt von fünf Amerikanern oder Briten,  mit denen wir fortan um die besseren Zeltstellen wetteifern werden. Baumstämme und eine starke Strömung prägen den Einstieg in den Big Salmon. Wir, als blutige Anfänger mit unbefestigter Ladung, entgehen dem Kentern mit einigem Glück. Schöner Tag. Sterbende Lachse, Gestank verbreitend. Sonne und am Abend eine Kiesbank. 400 Meter von uns entfernt sichten zwei weiter fahrende Kanuten (Vater und Sohn) einen Grizzlybären. Eine beunruhigende Nachricht für die Nacht, die sehr kalt wird, da klar.

Auf diese Temperaturen waren wir nicht vorbereitet


30. August Erwachen bei Nebel und mit Reif auf dem Zelt. Ein Feuer und die Tätigkeit des Holzmachens wärmt. Dann langes, vergebliches Warten auf trockene Zelte. Aufbruch 11.20 Uhr. Kalter Tag bei zunächst behäbiger Strömung, dann flotter mit vielen Riffles und das undefinierbare Gefühl, bergab zu fahren. Die schönste Zeltstelle hatte das Fünferteam schon belegt und wir begnügen uns mit einer großen, inselartigen Sandbank, auf der wir beachtlich große Bärenspuren entdecken. Langes Zögern ob Bleiben oder nicht, aber es ist kalt und der nächste längere Abschnitt vorblockt, mit Rapids und man weiß nicht, worauf man sich einlässt. Regen treibt uns ins Zelt. Bär kommt nicht.

Acht von zehn greifen an! Sagt man…

31. August Regen die ganze Nacht und am Morgen dann Schnee auf den umliegenden Bergen. Die Nacht dürfte bei 3 Grad gelegen haben. Langes Zögern und Aufbruch in einer Schauerpause gegen 12 Uhr. Die gefürchtete Passage unter einer steilen Felswand macht Spaß und erweist sich als gut fahrbar. Später dann aus direkter Nähe ein Grizzly, der den Fluss durchqueren will und erst nach einem Buhruf erstaunlich schnell die Flucht ergreift. Wir erreichen gegen 16 Uhr eine schöne Kiesbank mit viel Holz und einer windgeschützten Feuerstelle. Ähnlich viele Bärenspuren wie am Vorabend, immer wieder Schauer, aber das Feuer wärmt.

1. September Ein schöner und warmer Tag. So warm, dass wir sogar schwitzen und abends auf einer Kiesbank in Unterhose in der Sonne sitzen können. Der Verlauf des Flusses gleicht den Vortagen. Einige Stromschnellen (riffle), hin und wieder Steine, aber wir haben gelernt, die Flusskarte zu lesen. 8 km/h sind allein Dank der Strömung zu veranschlagen. Das excellent Camp  (open Camp Ground under Trees) ist leider von der uns stets begleitenden Fünfer-Gruppe besetzt, die uns schon am Vortag am Sourch Creek die besser Zeltstelle genommen hat. Nach einem Kilometer jedoch der schöne Platz in der Sonne und ein Abend  am Feuer und das Versprechen einer weiteren kalten Nacht als es komplett aufklärt. Allerdings….

Excellent Campsite

2. September Zieht in der Nacht Regen auf und am Morgen präsentiert sich ein trostloser Himmel, der zu eiligem Aufbruch mit nassen Zelten zwingt, um dann vergeblich durch Bewegung Wärme zu erzeugen zu wollen. Der Hintern ist nasskalt, immer wieder Regen und wir wagen keine Pause, da wir frieren wie die Schneider.  Also immer weiter bis wir die Bergenge und den Stauregen hinter uns lassen und mit einer exzellenten High Water Stelle belohnt werden und in der Sonne Tee schlürfend von der Fünfergruppe überrascht werde; Bruce aus Boston, Martin der Guide aus Whitehorse (eigentlich aus Köln), ein Britte (Tony) aus Devon und Diana aus Toronto. Als etwas einfältiges Sahnehäubchen Torsten aus Beelitz. Hausmeister, aber ein netter Kerl. der sich um das Feuer kümmert. Wir quetschen den Guide aus und als Tip bleiben der Teslin River, aber sicher interessanter noch der Beaver River, der wilder ist und zu dem man sich einfliegen lassen muss. Netter Abend mit wirklich netten Leuten.

Torsten aus Beelitz. Mit Mütze.


3. September Die Tage gleichen sich nun. Heute allerdings schönes Wetter und ein ruhiger Abschnitt, so dass wir uns die erste Stunde einfach nur treiben lassen. Das geht immer noch flott und zwei weitere Stunden mit etwas mehr Einsatz ergeben zum Abend 42 Flusskilometer. Wir lagern auf einem netten High Water Platz direkt an der Mündung des North Big Salmon River, der beachtlich flott und wasserreich an uns vorbeifließt. Die Fünfergruppe lagert genau auf der anderen Seite der Mündung, um am nächsten Morgen einen Steilhang besteigen zu können. Auf unserer Seite gibt es einen kleinen, von einem Waldbrand gezeichneten Hang, auf dem wir unser Abendessen einnehmen, ohne leider den Fluss sehen zu können. Das Feuer entspricht nach dem kollektiven Abend nun wieder ganz unseren Vorstellungen und wärmt für die kommende kalte Nacht, die dann doch etwas milder als befürchtet ausfällt. Das Schlafen ist dennoch eine mühsame Angelegenheit. Still und gerade liegen, damit ja keine kalte Luft hineinfährt. Frieren und Hungern sind unsere Tugenden und allzeit der Gedanke, an die schönen warmen Sachen, die daheim im Schrank hängen!

Plätze aus dem Bilderbuch


4. September Wir haben so gehofft und ihn dann doch knapp verpasst. Den Elch, der uns noch fürs Foto fehlt. Nachdem wir die Fünfergruppe der wild gejodelten Indianerschreie bezichtigten, entdeckten wir sie unweit und etwas aufgeregt vor uns, wartend, um einem Elchbullen nicht ins Gehege zu kommen. (Die scheinbaren Indianerrufe stammten, wie am nächsten Tag bestätigt, von zwei Wolfsrudeln, die offenbar ein Tier erlegt hatten.) Wir also auf glückloser Weiterfahrt, aber am Abend belohnt durch die wohl bisher schönste Übernachtungsstelle, direkt in einer Flussbiegung gegenüber eines Felshanges und mit zwei Sonnenseiten.

International Alcoholic Association is placed here. One of the members


5. September Dieser Tag beginnt trüb, wird noch trüber, aber der gefürchtete Regen bleibt aus. Nach 7 Kilometern erreichen wir den großen, extrem windigen Yukon, der uns enttäuscht und auf dem wir uns eine wochenlange Fährt als Vergnügen nicht vorstellen können. Wir lagern am rechten Ufer auf einer einstigen Holzablage für Dampfschiffe und treffen wir im Voraus vereinbart die Fünfergruppe, mit der man nun schon munter und ungezwungen plaudern kann und deren Essensreste vom Vortag uns die Bäuche füllen. Besonders die Alaska-Geschichten vom 70jährigen Bruce über einen mehr als sonderlichen Nachbarn, der gern über optimale Leichenvernichtung sinnierte oder den Hund tötet und beseitigt, also ein Stück Shining über den Cabin-Koller, unterhalten auf makabre Art. Bruce ist ein toller Typ.

Christianisierung?


6. September Vollkommen unerwartet heute ein sonniger, warmer und windstiller Tag. Wir lassen uns treiben und auch der Yukon gefällt uns wesentlich besser. Ein kurzer Halt an einem  Versammlungsplatz der First Nations samt eines merkwürdigen und ziemlich verlotterten Friedhofs. Hier treffen wir auch einen Iren mit zwei Kanus und einer riesigen Gepäckladung, der drei Monate die Berge erkundet hat. Der Abend wieder in Gesellschaft und eine eindrucksvolle Wanderung ins Hinterland unserer Zeltstelle, wo vor drei Jahren ein Waldbrand gewütet haben muss.

Der Yukon von seiner schönsten Seite


7. September Eine kalte Nacht, ein nebliger Morgen und dann wieder ein sonniger Tag. Ziehende Kraniche und der Geruch von Winter liegt schon in der Luft. Wie Martin erzählt hat, friert der Yukon schon seit einigen Jahren nicht mehr zu, was eindeutig auf die Klimaerwärmung zurückzuführen sei. Wir verabschieden uns nun endgültig von der Fünfergruppe und nehmen von Martin drei zu prüfende Projekte mit auf den Weg: Beaverriver (Flüge über Outhouse), der allerdings mit einer aufwendigen und damit teuren Anfahrt verbunden ist; Snake-River, der technisch schwierig ist und mindestens ein Verdeck verlangt. Beide Touren werden von Ruby-Adventures angeboten. Und als wohl harmlose und unaufwendige Variante der Teslin-River, der nett ist aber eben nicht so schön wie der Big Salmon. Der Tag ist dem behäbigen Abschied gewidmet und die Nacht verbringen wir 19 km vor Carmacks, rechtsseitig an einer schönen sonnigen Stelle.

Was der Ire wirklich erforscht hat, wissen nur Bergbaukonzerne?


8. September Eine warme und trockene Nacht und dann 2 Stunden noch bis Carmacks. Gegen den Wind und mit immer mehr Spuren der Zivilisation, was nach fast zwei einsamen Wochen befremdlich ist. Schon kurz nach der Ankunft auf dem Zeltplatz werden wir von einem gesprächigen und neugierigen Fahrer und Ur-Whitehorser, ziemlich dick und mit einer professionellen Passion für Fotografie, abgeholt. Den Abend dann sehr hungrig, teuer und inmitten illustrer Frauengruppen bei Giorgio.


Epilog:  Ein guter Freund hat sich die Mühe gemacht, dieses Reisetagebuch zu lesen und danach folgendes Resümee gezogen: „Zwei Wochen Kälte, Frösteln in der Nacht, selten wärmende Sonne, um so öfter Regen, klamme Klamotten , manchmal ein wenig hungrig, aber tolle Landschaft und ein Abenteuer für flotte Opas.“

Nun, das klingt wirklich nicht lecker und nachahmenswert. Offenbar habe ich aus Furcht vor zu viel Pathos unterwegs nie die tollen Momente beschrieben. Das irre Licht, die endlose Weite, der Klang des Flusses, die Gerüche, das Gefühl der Einsamkeit. Das lässt sich schwer in Worte fassen und überhaupt ist es gar nicht schlecht, wenn Menschen abgeschreckt werden. Ja, bleibt fern, quält euch nicht, denn nichts ist schlimmer, als ein weiterer Geheimtipp, der viele Menschen dorthin zieht, wo es einfach nur sagenhaft schön ist!

Hinterlasse einen Kommentar