Die 20 besten (und streitbarsten?) Jugendromane der letzten 20 Jahre

Wenn man pro Jahr etwa 150 Jugendromane liest, so ist erstaunlich, wie wenige Bücher nachhaltig in Erinnerung bleiben und woran sich nachhaltiges Erinnern genau bemessen lässt. So ist es mir peinlicherweise schon passiert, dass ich nach 50 Seiten eines gar nicht so schlechten Romans feststellen musste, dass ich das Buch schon gelesen hatte, ich mich aber partout nicht an den (recht beliebigen?) Inhalt erinnern konnte. Andererseits bleiben schlechtere Werke über Jahrzehnte hinweg im Gedächtnis. Mit Episoden bis hin zu ganzen Textpassagen. Gerade streitbare Werke! Bücher, die alle gut finden sind oft etwas fade. Bücher die polarisieren, sind interessanter, da man sofort in einen belebten Diskurs einsteigen kann. Mal ein paar Beispiele:

Man kann über John Boyne „Der Junge im gestreiften Pyjama“ denken wie man will, das Buch entfacht sofort eine Diskussion. In akademisch-literarischen Kreisen ist der Titel geradezu ein Wutbringer, der dem Autor wohl ewig als „Machwerk“ vorgeworfen werden wird. Ich selbst finde das Buch im Übrigen durchaus interessant, gerade weil es solche Diskussionen auslöst.

„Nichts“ von Janne Teller oder „Opfer“ von Jesper Wung-Sung wurden ähnlich kontrovers diskutiert. Oder gewisse literarische Schocker, die mit sexueller Freizügigkeit, feuchten Gebieten oder auferstandenen Massenmördern laborieren, damit auch noch das letzte Tabu fallen kann, lasse ich hier mal aus, auch wenn gerade Jugendliche diese Bücher verschlungen haben dürften.

Beginnen möchte ich die „Top 20 of 20“ mit einem ebenfalls polarisierenden Werk, das seinerzeit aus dem Rahmen fiel und das obendrein eine interessante Rezeptions- und Werkgeschichte vorzuweisen hat. Die Rede ist von dem schwedischen Autoren Jan Guillou und seinem Roman „Evil – Das Böse“, der 2005 bei Hanser erschienen ist. Damit ist der Roman zwar keine 20 Jahre alt, aber eigentlich viel älter. Die Originalausgabe erschien bereits 1981 und war zu dieser Zeit, da selbt die Thematisierung von Homosexualität im Jugenroman noch undenkbar war, nicht für die Zielgruppe der ab 14jährigen sondern als politischer Roman für Erwachsene gedacht. Die späte deutsche Übersetzung verdankt der Roman dem gleichnamigen Film, der 2004 in die schwedischen Kinos kam, für Furore sorgte und als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde. Somit einmal der umgekehrte Weg. Der Film führte in Deutschland zum Buch.

Der Roman thematisiert Gewalt in allen Facetten und er geht offensiv mit dem rechtsradikalen bzw. faschistischen Erbe in Schweden um. Ein Thema das Jan Guillou u.a. mit Autoren wie Henning Mankell oder Mats Wahl teilt. Erzählt wird aus der Perspektive des 14jährigen Erik, der wegen gewalttätiger Übergriffe von der Schule suspendiert und von seiner Mutter auf ein Privat-Schule gesteckt wird, wo die Hackordnung bzw. die strenge Hierarchie extrem ausgeprägt sind. Mit der Unterbringung will die Mutter den Sohn zugleich aus der Schusslinie des Vaters wissen, der ihn wegen nichtiger Vergehen täglich auf brutalste gezüchtigt hat. Die Episoden mit dem Vater bilden gleichsam die Klammer des Romans, der der moralischen Frage nachgeht, ob sich das Böse mit dem Bösen bekämpfen lässt. Der Vater ist eine Größe des Bösen, die letzthin besiegt wird. Ob damit auch das Böse besiegt wurde und ob es jemals besiegt werden kann, sind die interessanten Fragen dieses Romans, der „das Böse“ auch als geschichtliche und pathologische Größe einzubringen weiß.

Man lasse den Text und damit die Eingangssätze sprechen:

„Der Schlag traf ihn hoch am rechten Wangenknochen. Und genau das hatte er beabsichtigt, als er sein Gesicht um einige Zentimeter schräg nach oben gedreht hatte, während sein Vater zuschlug. … Der Vater war stolz auf den Schlag, er bildete sich etwas darauf ein, schnell und überraschend zulangen zu können.“

Und der Roman endet mit folgender Szene:

„Hör mir gut zu, Vater. Du bist das personifizierte Böse und als solches musst du vernichtet werden. In ungefähr einer halben Stunde wirst Du dich im St.-Görans-Krankenhaus wiederfinden.“

Zwei Textauszüge, die die Explosivität dieses Romans belegen dürften, den man einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen wird. Erik ist nicht wie wie so oft in Jugendromanen das Opfer, sondern Opfer und Täter zugleich. Er entwickelt sich vom Opfer tagtäglicher Gewalt zum Rächenden. Er opponiert gegen eine übermächtige Gewalthierarchie und -aristokratie, die als Sinnbild für eine ganze Gesellschaft des Geldadels zu stehen hat und die er mit ihren eigenen Waffen schlägt. Ein Sieg, der fade schmeckt, weil seine Stärke als Schläger aus einer jahrelangen Opferrolle resultiert. Der Bösewicht wird zwar vermöbelt aber nicht besiegt. Sein Typus wird weiterbestehen und ob eine Gesellschaft jemals ohne eine Gewalthierarchie auskommen kann, bleibt offen. Der Held Erik jedoch wird mit der Illusion entlassen, dass die Rache am Vater seine letzte Gewalthandlung ist.

Erträglich für den Leser wird die Aussage einzig und allein durch die zeitliche Distanz zur Handlung (spielt in den 60ern) und damit der Illusion oder Hoffnung, dass sich an den Grundprinzipien etwas geändert haben könnte.

Dass Erik die Kraft und das Vermögen hat, zurückschlagen zu können, dass er quasi physiologisch als „Sieger gemacht ist“, dürfte männlichen Lesern behagen. Denn wer wünscht sich nicht einen Helden, der siegreich ist und bleibt. Einer der nur seine wahre Stärke bezähmt. Ein Schema, das als Erfolgsrezept in zahlreichen Superheldencomics enthalten ist und das man auch als Schwäche des Romans diskutieren könnte.

„Jan Guillou erzählt, von Gabriele Haefs packend übersetzt, nüchtern-kalt, fast emotionslos und mit nahezu technischer Präzision. Entstanden ist ein suggestiver, oft genug atemberaubender Text über Moral, Gerechtigkeit, Autorität und die Kraft, die richtige Entscheidung zu treffen.“ So urteilte 2006 die Kritiker-Jury als sie den Titel für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte. Diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen.

Und das Beste zum Schluss: Der Roman ist als Taschenbuch noch lieferbar!

Anmerkungen zum deutschen Buchmarkt, zu gewissen Verwerfungen und im Speziellen zum Jugendroman + einer Ankündigung künftiger Beiträge

Der deutsche Buchmarkt ist in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Trotz der Klagen über einen sinkenden stationären Verkaufs, und der Tatsache, dass nur ältere Vielkäufer den Schwund bei den bis 40jährigen auffangen, reagieren Verlage mit einem nahezu ungedrosselten Ausstoß an Neuerscheinungen, nach dem Motto, irgendwas wird schon landen. Die Zeiten von Harry Potter sind jedoch längst vorbei, und das tradierte Verlagswesen hat mit diversen Internetplattformen mächtig Konkurrenz bekommen.

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Als mit Pisa 2000 das große Lamento über eine untergehende Lesekultur einsetzte, kam Harry Potter und widerlegte alle Untergangsszenarien. Seither hat das Internet jedoch einen beispiellosen Siegeszug angetreten!
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Obendrein fehlt jüngeren Menschen heute schlechthin die Zeit zum Lesen. Nicht, weil sie beruflich so eingespannt sind, es gab noch nie so viel Freizeit wie heute, sondern weil sie nach neusten Studien immer mehr Zeit in digitalen Foren verbringen. Wer durchschnittlich 353 Minuten pro Tag online ist, sagen wir mal 8 Stunden arbeiten geht und 8 Stunden schläft, der wird in den verbleibenden 2 Stunden eher essen und kuscheln, statt zu lesen. Es sei denn, er liest in den 6 digitalen Stunden etwas auf einem der rapide wachsenden digitalen Ausgabekanäle, denn eine solche Differenzierung wird in den Erhebungen nicht vorgenommen

Um Menschen zum Lesen zurückzuholen ist eine unüberschaubare Zahl an Titeln sicher nicht hilfreich. Mal in Zahlen ausgedrückt. 2017 gab es 72499 Ersterscheinungen. Davon 8752 in der Warengruppe Kinder- und Jugendbuch. Eine Menge Holz denkt man. Allerdings auch gewaltig viel Schrott. Mit nur 10 Titeln werden 70 Prozent des Umsatzes erbracht. Über diese 10 Titel jedoch schweige man besser. Es ist die übliche Serienkultur, die mit Literatur wenig bis gar nichts zu tun hat. In den Gremien der Literaturpflege diskutiert man in der Regel maximal 400 Titel. Das entspricht in etwa der Anzahl, die die Verlage selbst für eine qualitative Begutachtung einreichen. Diese 400 Titel werden von Juroren schon nach einer kurzen Verständigung auf maximal 50 heruntergebrochen. Beim Deutschen Jugendliteraturpreis bleiben am Ende 24 Titel für einer Shortlist, wobei auch bei diesen Titeln oft alle Augen zugedrückt werden, um die Listenplätze zu füllen. In Jahren, da Plätze als Signal an die Verlage unbesetzt blieben, setzte zumeist ein Shitstorm ein,  den man besser vermeiden will.

Beim Oldenburger Jugendbuchpreis wurde 2016 kein Siegertitel benannt. Entsprechend groß waren auch Nachfragen und der Druck auf die Jury. Die Nichtvergabe wurde mit einer Beschädigung der Lesekultur gleichgesetzt und der Tenor lautete: Irgendetwas hätte sich doch für die schöne Rede des Oberbürgermeisters schon finden lassen. Nein! Literarische Maßstäbe sollten sich nicht beugen lassen. Statt die richtige Entscheidung der unabhängigen Jury zu tragen, reagierte der Preisstifter mit der fadenscheinigen Entlassung von zwei Juroren.

Ich bin kein berufener Retter der Buchwelt, aber ich werde mich in weiteren Beiträgen unorthodox um einen Rückblick lesenswerter Bücher bemühen. Folgende Rubriken wird es geben:

Beste = literarische Neuerscheinungen. Ohne Sternchenraster, weil beste heißt beste!

Die 20 Besten der letzten 20 Jahre

Und gegebenenfalls mal einen Verriss, wenn mich ein Buch besonders ärgert. Ich selbst lese schrecklich gern Verrisse, aber die sind im Feuilleton äußerst rar gesät!

Schönste Rückzugsorte: Neue Dorfgemeinschaften – verklärt, gespalten, vergreist/ Buchempfehlungen

Getreu dem Grundsatz, schönste Orte verrät man nicht und zum Schutze eventuell erwähnter Personen, als charakteristische Vertreter ihres Landstriches, werde ich in diesem Beitrag auf konkrete Angaben verzichten. Sollten doch vermeintliche Rückschlüsse auf Regionen und Personen gezogen werden: Alles ist fiktiv und entspricht einzig und allein meiner künstlerischen Freiheit. Punkt.

Die Urlaube meiner frühsten Kindheit führten immer ans Wasser, bzw. aufs Wasser. Bereits mit 2 Jahren saß ich im Faltboot auf dem Schoß meiner Mutter. Aus den Urlauben wurden später ganze Sommer (Wir hatten noch acht Wochen Ferien, mussten dafür aber auch am Sonnabend in die Schule). Ich streifte den lieben langen Tag durch monotone Kiefernwälder. Immer auf der Suche nach Wildnahrung und abgelegenen Baumriesen oder Überhälter, wie es forstwirtschaftlich heißt, auf die man klettern konnte. Wasser, Wälder und Klettern haben mich geprägt.

Meine Eltern waren überzeugte Nudisten und verbrachten den Sommer in einer Nudisten-Kolonie bzw. auf einem Zeltplatz für freie Körper-Kultur (kurz: FKK). Das war nicht immer schön. Ein nackter Mann am Grill ist keine ästhetische Bereicherung und obendrein gewissen Gefahren ausgesetzt. Nackte Menschen mit dicken Bäuchen und großen Brüsten beim Essen zu beobachten, hat mich ebenfalls irritiert. Oder nackte Männer mit Turnschuhen und Tennissöckchen beim Volleyballspiel. Es war, als ob man stets und ständig zeigen musste, dass nichts zu verbergen war. Was definitiv nicht stimmte. Ich bin noch heute Fan vom Nacktbaden, und darunter haben meine Kinder sicher gelitten, aber das militante Nacktseinmüssen auf den Campingplätzen meiner Jugend, war mir ein Graus.

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In den 90er: Abenteuerurlaub für den kleinen Geldbeutel

Die Sommer im Faltboot habe ich später als preisgünstige Urlaubsvariante weitergepflegt. Erst allein und dann mit  einer wachsenden Familie. Brandenburg und Mecklenburg mit gewissen Plätzen der zulässigen Freiübernachtung, waren  bis 2003 die beliebte Region. Ab 2003 haben uns dann diese unsinnigen und immer größer werdenden Hausboote und die Ghettoisierung der Wasserwanderer auf Campingplätzen vertrieben. Dass Wasserwanderterrain in diesen Bundesländern ist heute bestenfalls noch im April oder Oktober genießbar. Vor allem Mecklenburg-Vorpommern zu Wasser ist für mich das Paradebeispiel einer touristischen Fehlentwicklung. Während Hausboote als Beleidigung des Auges ungestraft im Schilfgürtel übernachten dürfen, werden Wasserwanderer beim ertappten Wildcamping bestraft. Die Hausboote bringen auch keinen Gewinn für die Region. Die Chartergesellschaften gehören oft niederländischen Reedereien. Hobbykapitäne bunkern ihre Lebensmittel schon in Berlin und dann geht es auf die Hatz zu den großen Seen im Norden. Die Schleusen sind wie Ampelkreuzungen und wer die grüne Welle verpasst, oder sich Abdrängen lässt, hat schon verloren. Die Region erntet zerstört Biotope, Ehedramen in den in den Schleusen und den entsorgten Müll zum Vergnügen weniger.

Wasserwandern aufzugeben, kam für uns nicht in Frage. Die Region generell zu meiden ebenfalls nicht. Für ersteres war schnell eine Lösung gefunden. In der polnischen kaschubischen Schweiz stießen wir auf ideale Bedingungen und eine Wasserwanderkultur, die hierzulande den 60er Jahren entsprach. Endlos lange Wildflüsse mit klarem Wasser und naturbelassenen Zeltstellen und einem beispiellosen Artenreichtum. Da es in Polen landwirtschaftliche Großwirtschaft nie gegeben hat, stößt man schon bei der Anfahrt auf Scharen von Störchen, die wie in der „guten alten Zeit“ hinter Mähmaschinen herjagen. Nur dem Waldbau konnte ich wenig abgewinnen. Endlose monotone Kiefernwälder sind an der Tagesordnung, wobei man an den Flussläufen wenig davon mitbekommt

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Kaschubische Flüsse: Sauber, lang und nahezu unverbaut

Zweiteres: Um meine Vagabundiersucht zu  zähmen, erstanden wir lange vor dem Immobilienboom im Zeitalter der Ich-AGs ein Grundstück, mit allen Fehlern, die man machen kann. Das Lehmhaus war nur äußerlich intakt und obendrein von Bauschwamm befallen. Wir verbrachten 3 Jahre mit der Sanierung und auch danach war der Aufwand der Pflege nicht zu unterschätzen. Finanzierbar war das alles dank der Ich-AGs und der hohen Arbeitslosigkeit. Heute wäre eine so marode Immobilie vermögenstechnisch ein Sargnagel. Bis alles wirklich schick wurde, vergingen weitere 10 Jahre und wenn man nicht halbwegs handwerklich begabt ist, muss man an solch einem Projekt scheitern.

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Idealer Abendplatz: Gut zum Lesen und Baden

Gekauft hatten wir jedoch nicht das Haus, sondern die beispiellos schöne Landschaft, die nicht touristisch erschlossen war. Der Ort lag mitten im Wald, umgeben von klaren Seen und intakten Buchenwäldern. Wenn man sich fest niederlässt, läuft man immer Gefahr, den Blick nicht mehr über den Gartenzaun zu heben, und irgendwann das Ganze satt zu haben. Diese Befürchtung hat mich begleitet, sich aber nie erfüllt. Zu einzigartig ist die Landschaft und Lage des Ortes und zwar zu jeder Jahreszeit. Im Winter herrscht absolute Ruhe. Dem Rummel im Sommer kann man leicht entgehen.

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In jedem Winter das Hoffen auf scharzes Eis

Der Ort und die Gegend sind auch die Rückzugsgebiete von Adligen und Berliner Intellektuellen. Am anderen sozialen Ende stehen dörfliche Existenzen, die die DDR-Landwirtschaft samt Suff und latenter Inzucht zurückgelassen hat. Daneben gibt es auch eine hohe Konzentration ehemaliger Stasimitarbeiter. Da der Minister der DDR für Land- und Forstwirtschaft ein Arnimsches Jagdschloss samt eines 7km langen Sees und eines riesigen Jagdgebietes als privaten Stammsitz okkupiert hatte, etablierte sich in den umliegenden Ortschaften eine dubiose Mischung aus Stasi- und Forstmitarbeitern, die das Gebiet zu überwachen hatten.

Zu DDR-Zeiten war nur ein kleiner Zipfel dieses Sees für das gemeine Volk freigegeben. Dieser Zipfel war kurioserweise mit einer 600 Meter langen Kette abgegrenzt. Entsprechend wollte ich schon im März 1990 wissen, was mir die Parteielite vorenthalten hatte. Bei dieser Erkundung auf einem Terrain höchster politischer Verunsicherung entdeckte ich dieses Walddorf, dass ich in den Jahren danach als idyllische Enklave immer im Auge behielt.

Als wir 2003 hierherzogen, war der Ort noch ein anderer. Es gab einen großen Insektenreichtum, Blumenwiesen und üppig blühende Alleen mit Wildbirnen und Schlehe. Grund dafür war die Stilllegungsprämie. Mit den Maisfeldern für Biogasanlagen hat sich das grundsätzlich geändert. Landwirte denken nicht mit einem  ökologischen Gewissen, sondern in Förderprämien und die kleineren nutzen die perverse Förderlandschaft um des Überlebens willen. Für Bienen und Hummeln ist in der von Glyphosat geprägten Landwirtschaft kein Platz.

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Huhn Helga: Das letzte freie seiner Art!

Eine Bürgerinitiative hat sich des Problems angenommen. Eine geplante Hühnerfarm ist der Stein des Anstoßes. Die Anlage bringt der Gegend praktisch nichts. Anderthalb Arbeitsplätze unter Vollschutz, eine verschandelte Ackerfläche, gequälte Tiere und eine Menge sogenannter Bioaerosole, die als Düngung auf die Felder eingebracht und bei Trockenheit durch die Luft geweht werden. Enthalten sind natürlich Antibiotika, und die gute Luft auf dem Lande wird zur Mär. Wenn mit Arbeitsplätzen gewinkt wird, genehmigen die ansässigen Behörden alles, was nicht verboten ist, auch wenn sie gar nicht über die Ressourcen einer ernsthaften Prüfung verfügen. Das Bioaerosole ernst zu nehmen sind, weiß man im Grunde, aber es fehlen belastbare Langzeitstudien, die ein Verbot bewirken können. So stiften die Mittglieder der Bürgerinitiative Anwaltsgelder, um formale Lücken in den Genehmigungsverfahren aufzutun. Das Problem dabei, aus der tatsächlichen dörflichen Gemeinschaft ist niemand dabei. Fast alle haben ein Stück Acker an den Landwirt verpachtet. Filz und eine Art Korruption oder das stille Wissen um die Vergehen der anderen bestimmen den Umgang miteinander. Man kennt sich schließlich von Kindheit an, jeder hat Dreck am Stecken und eine Krähe hackt der anderen … Eine Bürgerinitiative, der es nicht gelingt, die tatsächliche Bevölkerung zu erreichen, ist gescheitert, auch wenn sie in der Sache siegen wird. Der Graben wird nur tiefer, Vorurteile über die „Spinner da oben“ wachsen und politische Extreme werden wahrscheinlicher.


Buchtipp: Als ich „Unter Leuten“ von Juli Zeh gelesen habe, konnte ich alle Verhaltensstrukturen wiedererkennen. Zeh schafft es ohne Helden, diese wunderbar perfide Mischung aus Zuzug, Verklärung, Raffinesse, Belehrung und Egoismus auf den Punkt zu bringen.

Der deutschsprachigen Literatur wurde im letzten Sommer der Rückzug ins Provinzielle vorgeworfen. Argumentiert wurde mit so pappigen Begriffen wie neuer Heimatroman und Wirklichkeitsflucht. Dabei bietet eine dörfliche Gemeinschaft heute einen breit angelegten Gesellschaftsquerschnitt auf überschaubarem Terrain, der alle Abgründe und Gegensätze zu bieten hat, die man sich nur vorstellen kann.


Neben den Intellektuellen gibt es auch eine Handvoll abgedrehter Esoteriker. So kann man zu Pfingsten schon mal einem Kräuter sammelnden Hexenzirkel begegnen. Es gibt Fruchtbarkeitstänze, um die entweihte Erde zu segnen oder es wird auf Wochenendseminaren nach Wesenheiten (Zwerge und so etwas) der Erde gesucht. Nebenher könnte man auch noch eine Eigenbluttherapie erhalten, sich Schröpfen lassen, Yoga am See genießen. Kulturell besehen gibt es in der Region überproportional viele Künstlerateliers, ein renommiertes Sommertheater oder man kann Violinenunterricht (ausdrücklich auch für Senioren) nehmen.

Eine schöne Natur lädt ein zur Verklärung und produziert soziale Klüfte. Eine dörfliche Gemeinschaft existiert quasi nicht mehr. Es gibt die Altansässigen, deren Kinder zu 80 Prozent abwandern, und die Zugereisten, die sich in diversen Zirkeln organisieren. Zwischen beiden Gruppen findet kein Austausch statt.

Was in dieser Waldgemeinschaft mit immerhin 360 Einwohnern gänzlich fehlt, ist auch nur der Zipfel einer anderen Hautfarbe oder Kultur. Dennoch haben 38% bei der letzten Wahl für die AfD gestimmt.

Die Kriminalitätsrate geht jedoch gegen Null. In meiner 16jährigen Anwesenheit wurden von der Schrottmafia einige Gullydeckel geklaut, es wurde eine  Plastedachrinne von einem Schuppen demontiert und ein Rasentraktor und ein Quad entwendet. Die letzten Straftaten liegen allerdings 8 Jahre zurück, Und wie es überhaupt dazu kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Das still daliegende Dorf hat auch nachts 1000 Augen. Wenn man beispielsweise mit dem Fahrrad 23 Uhr eintrifft, wird das definitiv registriert. Dörfliche Nachrichten werden über den Bäcker verteilt, die man früh mündlich mit den Brötchen erhält.

Apropos Rechtsempfinden: Recht ist, was ein Großteil der Gemeinschaft tut. Als dem Ort vor wenigen Jahren eine Radwegtrasse aus dem europäischen Landwirtschaftsfond geschenkt wurde, kam eine Radkultur ins Dorf, mit der die Bewohner nichts am Hut hatten. Schließlich fuhr man alle Wege ab 200 Meter mit dem Auto. Der Radweg war jedoch eine willkommene Abkürzung für ansässige Autofahrer. Gesetzte Poller wurden entfernt, ins Gebüsch geworfen oder verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Die Schlüssel für die Poller konnten ebenso wie das Schild „Forstwirtschaft“ im Internet erstanden werden. Ein einsamer Kämpfer hat daraufhin eine Wildkamera installiert und auf die Poller eine Verlängerung schweißen lassen, für die man einen Spezialschlüssel benötigt. Er gilt als Verräter, was den ehemaligen Wirtschaftsprüfer aus M. jedoch nicht zu scheren wird.

Ich behaupte nicht, den Satz „Die Grünen gehören aufgehangen!“ jemals gehört zu haben. Dazu stand ich selbst viel zu sehr unter Verdacht, einer dieser spinnenden Unholde zu sein. Dass man die Grünen nicht mag, wird dagegen in jedem Gespräch offenbar. Schließlich greifen diese in Urrechte und tradierte Gewohnheiten ein.

Als ich hierherzog kümmerte sich um die Einzigartigkeit der Buchenwälder und Wildwiesen der WWF-Fond. Gewohnheitsrechte der Dorfbevölkerung wurden unter Strafe gestellt. Es ging der Natur zunehmend besser. Alte Panzerstraßen als Zeugnisse der sowjetischen Besatzung verwuchsen sich. Eine heute bürokratisch vergreiste und auf die Rente wartende Naturparkverwaltung achtete auf die Einhaltung der Regeln und verwaltete Flächen, über deren Ausdehnung nicht immer Klarheit herrschte. Dieses Engagement ist seit dem Wegfall der WWF-Förderung längst erlahmt. Die sensiblen Wälder werden, die Bodenkultur zerstörend, mit Harvestern durchforstet. Auch die Gewohnheitsrechte sind zurückgekehrt. In Mode gekommen sind leistungsfähige Quads, mit denen man nach Belieben durch die Wälder heizen kann. Dickliche, alte Männer unternehmen in monströser Schutzbekleidung lange Ausfahrten, manchmal sogar mit Frau. Die Ärmsten. Scheinbar jedes Mal, wenn ich hier aufschlage, ist ein neues Quad als Krönung des sportlichen Engagements hinzugekommen. Dass Handwerker in den letzten Jahren zu Geld gekommen sind, muss nicht immer ein Segen sein.

Ein großer Schelm lebt alteingesessen in der Mitte des Dorfes. Seiner lokalpolitischen Stimme ist zu verdanken, dass es neuerdings eine Durchgangsstraße gibt. Dass ein großes Seegrundstück für ein lächerliches Entgelt an einen depressiven Münchner Künstler verkauft wurde. Bis Ende der 90er hatte der Ort noch eine 10klassige Schule. Genau dieses Gelände wurde samt Zuwegung zum Sportplatz verkauft. Als man den Fehler entdeckte war es natürlich zu spät. Sportplatz Ade! Oder der älteste Maulbeerbaum Brandenburgs, das Resultat eines engagierten, Seidenraupen züchtenden Biologielehrers, wurde als Hindernis und vermeintliches Gestrüpp gefällt. Wohin Fördermittel geflossen sind, lässt sich ebenfalls vor dessen Ansitz gut erkennen. Das Gebäude selbst ist ein Kleinod des schlechten Geschmacks und seit 1990, bei meinem ersten Besuch, hat sich daran wenig verändert. Damals aber schon fiel mir der rhetorisch begabte, ziemlich schlaue, biegsame, nach dem Mund redende Mann auf, der zum Politiker geboren schien.

Eine Dorfgemeinschaft lebt von den „lieben“ und integren Menschen. Einer davon ist mein Nachbar. Im Dorf wird ihm allgemeine Achtung entgegengebracht, obwohl er erst in den 90ern aus Westberlin hierhergezogen ist. Wenn man die Leistungsträger einer Dorfgemeinschaft entdecken will, muss man bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen vorbeischauen, wo nicht immer mit Verstand aber mit viel Engagement gewerkelt und danach getrunken wird. Dörfliche Anerkennung sammelt man bei diesen Einsätzen und es wird genau geschaut, wer sich mit welcher Ausrede gedrückt hat. Ich gebe zu, kollektive Arbeitseinsätze waren noch nie mein Ding. So bin ich über das Engagement als Weihnachtsmann noch nicht hinausgekommen.

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Schlittschuhlaufen und Eisbaden: beides macht Spaß

Jedem Dorfbewohner wird eine spezielle Eigenschaft zugeschrieben, an der man diesen auch ohne Namen im kollektiven Diskurs erkennen kann. Ich bin sicher der, der immer mit dem Rad kommt und auch im Winter in den See springt. Letzteres wurde ob des Wahrheitsgehaltes von versteckten Personen hinter Bäumen überprüft und danach als tatsächlich gegebene Verrücktheit akzeptiert. Mit meiner Leidenschaft wird fast jedes Morgengespräch begonnen. Es wird nach meiner Absicht bei Minus 7 Grad gefragt, um danach das Unverständnis zu bekunden. Mein vermeintliches Alleinstellungsmerkmal wurde einmal jedoch von einer dürren 80jährigen übertroffen. Bei meinem 1minütigen Bad schwamm sie locker an mir vorbei und ich konnte in der Kälte nicht lang genug ausharren, um sie wiederkommen zu sehen. Das sie überlebt hat, weiß ich erst, seit im Hochsommer ihre Todesnachricht kursierte. Sie war schwimmend bei ihrer großen Leidenschaft verstorben.


Buchtipp: Wer sich für die Kälteresistenz von Menschen interessiert, der lese den ziemlich erstaunlichen Erfahrungsbericht des Niederländers Wim Hof und der Bestätigung der beschriebenen Praxis durch den investigativen Journalisten Scot Carney.

Wim Hof: Die Kraft der Kälte, Riva, 2016

Scott Carney: Extrem gesund, Books4success, 2017

 

 

Ich habe aus diesen Büchern erfahren, warum mich Eisbaden so glücklich macht!


Fazit: Der Immobilienboom, bzw. die Niedrigzinspolitik und die daraus sich ableitende Vorliebe für konkrete Werte, hat nicht nur die Preise in die Höhe getrieben, sondern die schöneren Dörfer dieser Region vor dem Verfall bewahrt. Ästhetisch besehen ist somit alles im Lot. Dennoch nähern wir uns einer 80prozentigen Rentnergemeinschaft. Dabei könnten sich hier durchaus junge Familien ansiedeln und im Homeoffice arbeiten. Das Internet ist deutlich schneller als in mancher Großstadt. Solche Modelle sollen in französischen Bergdörfer funktionieren und die Abwanderung und dörfliche Vergreisung aufgehalten haben. Habe ich gelesen.

Höchste Berge: Der Brocken – Massentummelplatz und Klimaphänomen

Höchste Berge haben oft ein Problem. Nicht weil sie herausragen und windanfällig sind, sondern weil Menschen  die vermeintliche Größe lieben und in endlosen Scharen über sie herfallen. Dabei sind höchste Berge oft nicht schön. Sie wurden mit Gebäuden verunstaltet, mit Buden bestückt oder mit Seilbahnen bzw in diesem Falle mit einer Bahnstrecke verschandelt

Ich habe um höchste Berge (eigentlich) immer einen Bogen gemacht. Als man den Everest noch mit halbwegs gutem Gewissen besteigen und ich Technik und Kondition dafür hatte, fehlten das Geld und der Urlaub. Zwar hatte mir meine Frau grundsätzlich das Recht auf ein Abenteuer eingeräumt, aber meine große Familie zu verlassen und wochenlang in einem häßlichen und vermüllten Basislager herumzuhängen, schien mir nicht sonderlich attraktiv. Es blieben die kleineren Ziele und einige wirklich schwierige Berge und Gipfel, die ich mit Freunden bei Wetterstürzen oder unter Gewitterfronten erreichte und wo wir nicht selten geradeso mit heiler Haut davonkamen. Dass ich die 90er Jahre überlebt habe, wundert mich noch heute. Ich könnte eine lange Reihe von gewagten Touren auflisten, aber wen interessiert das schon.

Irgendwann entschied ich mich für das, was heute neudeutsch als „microadventure“ verkauft wird. Fast mit jeder Dienstreise kombinierte ich ein Abenteuer. Immer hatte ich ein Rad oder mindestens eine superleichte Ausrüstung dabei. Wenn eine Sitzung 17 Uhr zu Ende ging und die anderen noch im Hotel blieben, nahm ich den letzten Zug, um irgendwo auf halber Strecke auszusteigen und noch stundenlang durch pechschwarze oder mondbeschienene Wälder zu laufen. Ich verspürte bei diesen Touren immer eine diebische Freude. Das war wahrhaftig gewonnene Lebenszeit. Wenn die anderen sich morgens zum Zug quälten, erwachte ich irgendwo an einem murmelnden Bach oder auf einer nebligen Bergwiese. Einer dieser Dienstorte war Oldenburg. Auf der Hälfte zu meinem Zuhause lag der Harz und so habe ich 12 Jahre lang zu fast allen Jahreszeiten eine Linie zwischen Bad Harzburg bis nach Wernigerode gezogen.

Nachtwanderer haben den Vorteil, dass sie immer allein unterwegs sind. Am besten ohne Licht, dann sieht man mehr und wird von Jägern nicht entdeckt. Erlaubt ist das Nachtwandern in deutschen Wäldern nicht. Das verbietet das jeweilige Waldschutzgesetz. Um diesen Blödsinn habe ich mich jedoch nie geschert.

Es gibt Menschen, die überkommt eine panische Angst in schwarzen Wäldern. Eine solche Urangst habe ich einmal als Jugendlicher durchlitten und es war kaum möglich, die Panikattacken auszuhalten. Ich war 16 und in einem dunklen Felstal gefangen. Tiere scharrten um mich herum und je mehr ich lauschte, um so schlimmer wurde es. Auch wer das erste mal in einem Herbstwald vom Hirschröhren überrascht wird, dürfte erfahren, was Panik bedeutet.

Zurück zum Höchsten. Im Harz trohnt der höchste Berg Norddeutschlands. Eine Augenweide ist der Brocken wie schon angemerkt nicht. Verbaut, gnadenlos überlaufen (1,4 Millionen Besucher pro Jahr) und ziemlich kahl. Mein halbes Leben war er für mich unerreichbar und fest im Beschlag einer russischen Abhörstation und der direkt daran entlanglaufenden Staatsgrenze. Die größte Annäherung an diesen Berg erlebte ich als 12jähriger. Mein Vater hatte einen Ferienplatz in Ilsenburg ergattert und direkt hinter dem Hotel verlief ein Stahlseil, an dem ziemlich scharfe Hunde auf- und abliefen. Dahinter wiederum verliefen Zäune mit geharkten Sandflächen und Landminen, um DDR-Bürger von der Flucht in den Westen abzuhalten. Zu dieser Zeit machte ich mir darüber wenig Gedanken, nur den von Ilsenburg aus gut sichtbaren Brocken hätte ich gern bestiegen.

Mit 22 Jahren kam  ich nur bis Wernigerode, wo ich wegen der angeblichen Absicht, in den Westen fliehen zu wollen, 17 Stunden eingesperrt, verhört und überprüft wurde. Nein, ich war kein Widerständler und auch kein roter Mitläufer. Ich gehörte zu der großen Gruppe von Menschen, die die DDR als notweniges Übel akzeptierten und  die eingeschränkten Reisemöglichkeiten erfindungsreich und in einem Katz- und Maus-Spiel mit den Staatsorganen ausdehnten. Gelitten haben wir selten. Stattdessen gab es einigen Spaß im Dialog mit dümmlichen Polizisten, offensichtlichen Spitzeln und überzeugten Staatsvertretern.


Buchtipp: Wer wissen will, wie sich DDR wirklich angefühlt hat und wie das Katz-und Maus-Spiel mit den Staatsorganen funktionierte, der lese den aus meiner Sicht besten und witzigsten, der zahllosen Wenderomane:

Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen.


Der Höchste blieb mir also verwehrt, bis, ja bis dieser Zwergenstaat urplötzlich kollabierte. Es entstand ein Machtvakuum und ein gesetzesfreier Raum, der zwar bald von der Macht des Kapitals geschlossen wurde, aber immerhin ein paar paradisische Jahre mit skurrilen Zuständen zur Folge hatte. Gleich 1990 fiel für mich auch der höchste norddeutsche und erstaunlich alpine Gipfel. Mitten in dem schneereichen Winter näherten wir uns von Wernigerode aus auf Langläufern dem Brockenbett, wo wir in einer offenen Unterstandshütte übernachten wollten. Aus Neugier folgte ich einem frisch getretenen Pfad und landete vor dem Vereinshaus des Wernigeröder Skiclubs, der sich als fröhlich zechende Gesellschaft offenbarte. Zechende Männergruppen sind eigentlich nicht so mein Ding, aber wenn man nett eingeladen wird, kann man unmöglich „Nein!“ sagen. Gelitten habe ich an diesem Abend vor allem, weil die Jungs heizten, was das Zeug hielt, um unter der Hüttendecke eine dieser fürchterlichen Hexenpuppen zum Tanzen zu bringen. 40 Grad sind sicher nicht übertrieben. Ich schlief dann zusammen mit einem Hund in einem zugigen Schuppen, in dem ich der totalen Überhitzung entkommen konnte.

Der Aufstieg zum Brocken am nächsten Morgen ist mir kaum in Erinnerung geblieben. Ich glaube, es ging diese langweilige Straße hinauf.

Auch der zweite Aufstieg erfolgte mit Skiern im Winter. Das war im Dezember 1997 und wir wollten Ausrüstung für den Chimborazo testen. Witziger weise war diese Tour viel härter als der Aufstieg zu diesem 6000er. Der Brocken zeigte, und das habe ich danach immer wieder erlebt, dass er klimatisch eigentlich ein 3000er ist, und dass man sich auf den letzten 80hm bei Sturm durchaus Erfrierungen holen und verirren kann. Bei Minus 12 Grad und Windstärke 10 geht das recht schnell. Der Brocken ist ein Jedermanns-Berg, aber nur wenige schätzen ihn bei fiesen Bedingungen richtig ein.

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Bei so guten Bedingungen erreicht man den Gipfel selten

Irgendwann später hatte ich den Brocken zum Familienziel erklärt, dass jedes meiner Kinder auf möglichst abenteuerliche Weise erreichen sollte. Das sind immerhin 6 und ob sie meinen stillen Zwang und die langen Märsche genießen konnten, wage ich zu bezweifeln. Oft ging es ganz unten los, manchmal aber auch mit der Bahn hinauf. Antonia hatte miterlebt, dass sich bei unserer Tour das Bahnteam unsicher war, ob die Lok es schaffen würde. Oben bei Sturm habe ich dem armen Kind zum ersten mal im Leben Langläufer angelegt. Bis Schierke hinab hatte sie dann Gelegenheit, auf den wackligen Brettern fahren zu lernen. Sie hat es geschafft und schon am nächsten Tag ging es wieder zum Brocken hinauf und über den Hirtenstieg die 900hm Abfahrt nach Ilsenburg hinunter. Das war 2009.

Um Material zu testen oder ein Vorbereitungstraining zu absolvieren war der Brocken immer eine gute Wahl. So haben wir hier für eine anspruchsvolle Wintertour auf die Lofoten unsere Skitourenausrüstung getestet. Menschen mit offenbar ähnlichen Absichten habe ich da oben sogar schon mit Pulkas getroffen

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Abgestorbene Fichtenbestände: Nicht schön, aber ein guter Nähboden für einen ntürlichen Wald

Bei Wanderungen zum Brocken hinauf, sieht man riesige und sich rasch ausbreitende Flächen mit abgestorbenen Fichtenbeständen, die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind. Auf ganzen Hängen liegen Baumgerippe kreuz und quer und nur an den Wegrändern hat man, um Wanderer zu schützen, die Stämme in 4m Höhe abgeschnitten. Schön sieht das nicht aus und man kann sich gut die schimpfenden Sägewerkbesitzer und die auf Ordnung im deutschen Wald bedachten Fußgänger vorstellen. Bei Peter Wohlleben kann man nachlesen, dass die Nationalparkverwaltung das Richtige tut und dank dieses tüchtig schreibenden, aber dubios mit Quellen umgehenden Försters, ist auch bekannt, dass bis zur Entstehung eines intakten Urwaldes 500 Jahre vergehen werden. Vorausgesetzt das Klima spielt mit und die Schutzgebiete fallen keinen künftigen wirtschaftlichen Interessen zum Opfer.


Buchtipp: Wer das Buch wirklich noch nicht gelesen haben sollte:

Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume, Ludwig Verlag, 2016

Und als intellektuelleres Pendant, wo man provokante Aussagen auch wirklich belegt findet und quasi in ein Weltbewusstsein eingebettet findet:

Haskell, David G., Der Gesang der Bäume, Verlag A. Kunstmann, 2017


Der Brocken taugt als „schnell mal Hinaufberg.“ Oder auch als Berg für die nächste Generation. Wenn die eigenen Kinder so schön gelitten haben, warum sollen dann die Enkel verschont bleiben. Genau 10 Jahre nach Antonia, war Kay-Ole mit seiner Skitaufe auf Langläufern an der Reihe. Im Januar nach einer wunderbar kalten und sonnigen Woche. Wir erreichten Ilsenburg am frühen Abend und liefen bei klirrender Kälte zu unserem Hotel ins Ilsental hinein. In dieser Nacht schlug das Wetter um.

 

 

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Januar 2016: Materialtest für die Lofoten

26. Januar Wir erwachten bei strömendem Regen und 4 Grad Plus. Fieser kann es das Schicksal nicht meinen. Bis 11 Uhr ließ sich der Aufbruch noch hinauszögern. Da  wir mental auf Winter eingestellt waren, hatten wir keine Regenbekleidung dabei. Es gibt versierte Wanderer, die schwören auf den Schirm, als Allheilmittel. Mich hat das nie wirklich überzeugt, aber in diesem Fall schien der Hotelschirm eine geeignete Lösung zu bieten. Ein Flop, wie sich herausstellte. Das Ding war immer im Wege und als wir schließlich genervt aufgaben und das Nasswerden akzeptierten, hatten wir ein weiteres Gepäckstück an der Backe. Die Skier hatte ich mir auf den Rücken geschnallt und die amüsierten Blicke entgegenkommender Wanderer waren nicht zu übersehen. „Stärkt die Rückenmuskulatur!“ waren die harmloseren Kommentare. Ähnlich muss es Skifahrern in  der Wüste ergehen. Wir stiegen tapfer auf der Suche nach Schnee immer weiter. Erst nach drei Stunden stießen wir auf erste Reste und 500hm unter dem Gipfel ließen sich die Bretter mit viel Optimismus anlegen. Nicht bewährt hatten sich auch die Schuhe das armen Kindes. Man konnte sie ausschütten. Jeder Mutter wäre das Herz stehen geblieben.

 

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Stärkt die Rückenmuskulatur!

„Stempels Buche“ ist am Brocken immer ein besonderer Platz. Wenn man von Schierke zum Brockenbett aufsteigt und über der Gelben Brink abfährt ,ist hier der tiefste Punkt, ab dem es wieder zum Brocken über den Hirtenstieg hinaufgeht. Ab und bis hier kann man auch in schlechten Wintern mit Schnee rechnen und mit jedem Meter nach oben wird es dann besser. So war es auch an unserem Wochenende. Was mit Optimismus begonnen hatte, wuchs sich rasch zu einer beachtlichen Schneedecke aus und auf dem Brocken lagen in der Tat die auf der Wetterseite versprochenen 1,40 m. Der Aufstieg lief für den jungen Man ganz gut. Der Schnee war nass, die Skier pappten etwas und das half über den etwas kraftlosen Stockeinsatz hinweg.

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Für das erste Mal auf Läufern ein anspruchsvoller Aufstieg

Auf den letzten 80hm zeigte der Brocken wieder einmal seine Zähne. Wir hielten uns bei Windstärke 10 möglichst im Schatten der Gebäude, aber die Suche nach einem Eingang war nicht leicht. Es hatten sich hohe Wächten gebildet und auf den letzten 20m bis zum Eingang des Brockenhotels verlor Kay-Ole die Nerven. Schneekristalle prasselten ins Gesicht und die Skier rutschen auf der vereisten Schneedecke immer wieder weg. Hier draußen möchte man nicht lange zubringen müssen. Ich krallte mir das arme Kind und kurz darauf umschloß uns die Wärme eines Vorraums. Eine Dame im T-Shirt (!) übergab uns an der Rezeption die Schlüssel für ein großes Zimmer im dritten Stock, dessen Komfort uns nach 4 nassen Stunden des Aufstiegs willkommen war. Früher hätte ich mich für diesen Luxus verachtet. Auch bei solchen Bedingungen hatte ich in den offenen Hütten und einmal sogar kurz oberhalb des Gasthauses Plessenburg unter Bäumen geschlafen. (Damals hatte ich einen neuen Schlafsack für den peruanischen Alpamayo testen wollen.) Mein Luxus-Alibi war Kay-Ole, dem so viel Männlichkeit nicht zuzumuten war. Das Brockenhotel und insbesondere die „Hexenklause“ in  der 6. Etage haben einen muchtigen Charme, so wie nach meinem Empfinden auch viele Harzdörfer. Alles ist etwas zu rustikal, linkisch, semiprofessionell. Eine geistige Enge, die ich nicht so mag ohne genau zu wissen warum. Die Harzorte sind possierlich, bilderbuchartig und immer auch kulissenhaft. Überfüllt mit Rentnerbussen und Männerwandergruppen mit klappernden Flaschen im Gepäck. Der Harz bräuchte aus meiner Sicht dringend ein jugendlicheres Marketing, damit er nicht als Oase mobiler Rentner in einer Sackgasse landet. Das massiv auf Mountainbiker gesetzt und dafür einiges getan wird, ist sicher ein richtiger Ansatz.

 

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Am nächsten Morgen

27. Januar Die Sorge des nächsten Tages galt der Abfahrt über den Hirtenstieg. Die Bedingungen verlangten eine exzellente Schneepflugtechnik, die ich bei Kay natürlich nicht voraussetzen konnte. Hinunterlaufen hätte nicht dem Anspruch an ein Abenteuer entsprochen und so blieb das Vertrauen, in die gut entwickelten Koordinationsfähigkeiten des Kindes. Alles ging gut. Auf dem ersten Stück ist der Berg nicht steil und das reichte zum Eingewöhnen. Danach wurde es eklig. Bruchharsch, schwerer Schnee, keine Ausweichflächen. Ich wartete alle paar Meter auf ein Kind, dass schon beachtlich gut fluchen konnte, aber unermüdlich immer wieder aufstand. Solche Eigenschaften müssen im Leben trainiert werden. Als wir das steilste Stück hinter uns hatten, lief es bis Stempels Buche richtig gut. Wir packten um, und schafften in Ilsenburg sogar den Halbzwei-Uhr-Zug.

 

In der Luxusfalle: Feuchtwarmer Jahresauftakt und eine Buchempfehlung zum Schluss / 2019

Irgendwann braucht der Mensch mal Sonne und der Jahreswechsel 2018/2019 hat uns mit dieser nicht eben verwöhnt. Ich hatte das Glück, immer dort zu verweilen, wo absolute Trübnis herrschte. Niesel, Nebel, vor sich hingammelnde Weihnachtsdekoration. (Es gibt tatsächlich Bewohner, die sich weihnachtsmannähnliche Stoffpuppen ans Haus hängen, die dann schlaff und makaber als sichtbares Zeugnis der Geschmacklosigkeit vor sich hin tropfen!)

Ich habe nicht genau gezählt, aber ich denke, 5 Wochen ohne wirkliches Licht sind am Stück zusammen gekommen. Das schlägt schon aufs Gemüt und der Wunsch mal kurz den dunklen Wochen zu entkommen, hat sich bei mir in den letzten Jahren festgesetzt. Mein treuster „Follower“ ist in dieser Hinsicht meine Frau, wobei unsere Interessen deutlich auseinanderliegen.

Lümmelliegen entsprechen nicht meiner Natur. Das Wasser schon eher!

Ich kann nur schwer mit Müßigang leben. Nein, das ist falsch. Ich kann gar nicht mit Müßiggang leben. Schon nach wenigen Minuten in einem Strandstuhl fallen mir 1000 lebhaftere Dinge ein, die man tun könnte. So bin ich nun mal und mir graut schon vor den Zeiten, da die biologische Uhr zwangsläufig eine ruhigere Gangart auferlegen wird. In diesem Jahr habe ich jedoch eine Sportart entdeckt, bei der man keinesfalls „rammeln“ darf, sondern sich möglichst still verhalten muss, um nicht zu scheitern oder erheblichen Schaden zu nehmen.

Wärme: Wärme im Winter zu finden ist nicht leicht. Wärme ökologisch vertretbar zu genießen unmöglich. Also zwei Optionen: Grundsätze verletzen oder eine Winterdepression erleiden. Meine Grundsätze sind an dieser Grundsatzfrage grundsätzlich gescheitert!

Am 12.01. quetschte ich mich mit meiner Frau in eine Condor-Boing 767. Eigentlich ein geräumiges Flugzeug, aber Condor schafft es, die Sitze so weit zusammenzuschieben, das man seine Mitmenschen riechen und fühlen kann. Um zwischen die Stühle zu passen, sollte man am besten schmächtig und gut in Yoga sein. Und wenn man sich dann doch irgendwie hineingewunden und sortiert hat, und denkt, das geht schon irgendwie, kommt der Vordermann auf die grandiose Idee, seine Rückenlehne nach hinten zu stellen. Dann hat man die Optionen, den Bildschirm in der verbleibenden Flugzeit mit der Nase zu bedienen, sich mit dem Vordermann auseinanderzusetzen oder eine peristaltische Rückenlehen-Bewegung zum Heck des Flugzeugs hin auslösen.

Weil Condor weiß, dass man unmöglich 10 Stunden in diesen Zuständen verbringen kann, wird vor dem eigentlichen Boarding eine Verkaufsaktion gestartet. À la „Wenn sie diesen Flug tatsächlich überleben wollen, empfehlen wir dringend ein Upgrade!“ Ich habe bisher immer widerstanden. Aber das fiese Condor-Team lässt die Passagiere so einsteigen, dass man einen tiefen sozialen Fall auf nur wenigen Metern erleben kann. Für diese Demonstration wird den Premium-Kunden extra Vorlauf gegeben, um den nachrangigen Passagieren süffisant vor Augen führen zu können, wie schön man sich strecken und an seinem Begrüßungsgetränk schlürfen kann. Die Kunst ist, diesem Theater mit stolz erhobenen Haupt und einem herablassenden Lächeln zu begegnen.

Als passionierter Fahrradfahrer bin ich gegen die mitleidigen Blicke weitestgehend immun. Genau so schauen bei schlechtem Wetter auch Autofahrer, wenn sie ihrer Partnerin das arme Schwein da draußen zeigen. Nach dem Motto: „Möchtest Du so enden!!“ Ich schaffe es dann (fast immer), tropfend und mit vor Schlamm starrendendem Gesicht, stolz, erhaben und die ökologischen Unholde beschämend zurückzublicken. Ein gutes Training, das die perfide Condor-Prozedur geradezu banal erscheinen lässt.

Kurzum, wir haben überlebt. Es ging übrigens nach Mauritius. Ein Freund und Biologe hatte mir die Insel als exemplarischen Ort der Vernichtung fast jeglicher Primär-Fauna und -Flora beschrieben. Der blanke, nackte und obzöne Neid, hatte ich gedacht, doch in der Tat: Neben einer beeindruckenden Bergkulisse sieht man vor allem Touristen-Ressorts, wo Fun-Aktivitäten ausgeübt werden, die man eher am mallorquinischen Ballermann vermuten würde. Im Riff dahinsausende und korallenzersäbelnde Speedboote, permanent kreisende Wasserflugzeuge, mit Gleitschirmen aufsteigende und vor Freude juchzende Touristen, diverse Hobiecats und und und … Gefehlt hat eigentlich nur die legendäre Strandbanane.

Wenn man sich auf der Küstenstraße an den Ressorts vorbeibewegt, kann man neben tropischen Bäumen mit leckeren Früchten riesige Zuckerrohrplantagen bewundern. Plantagen deren Nitrateinträge im Meer landen, so wie auch der Plastikmüll, der außerhalb der für Touristen innig gepflegten Strände zu entdecken ist. Die paradiesische Seite der Insel wird von einem omnipräsenten Sicherheitspersonal geschützt und bewacht. Geboten wird eine aufwendig gepflegte Kullisse, deren Zweidimensionalität man ahnt, aber nicht sehen möchte.

Schließlich ist man ja im Urlaub und als wir unser Hotel erreichten, wollte mir das Personal tatsächlich meinen gehorteten, aus Deutschland mitgebrachten Zeitungsstapel abnehmen. = Du Urlaub, nicht Arbeit! so die Botschaft. Ich habe gekämpft, gesiegt und konnte so u.a. erstmals in meinem langen Leben die Stuttgarter Nachrichten lesen (Weit weniger schlimm, als gefürchtet!).

Wenn man einen Nachtflug mit Härtegrad Condor-Economy überstanden hat, steht man ziemlich neben sich. Um herunterzukommen und die Ankunft gebührend zu feiern, beschloss ich bis zur Zimmerfreigabe Schnorcheln zu gehen. Auf den Seychellen hatte ich diesbezüglich gelernt, dass es erst hinter der Riffkante so richtig interessant wird. Hier waren wir auf der Ostseite der Insel bei der Ortschaft Belle Mare untergebracht. Bis zur Riffkante waren es gut und gern 800m. Zuerst musste eine Schwimmleine überwunden werden, die ganz offentsichtlich den Nichtschwimmerbereich abgrenzte. Dahinter entdeckte man die ersten bleichsüchtigen und ziemlich zersäbelten Korallen. Ein Trauerspiel! Ich arbeitete mich voran, sah einige Fische, hin und wieder blaue Spitzen an Korallenästen, die ein verzweifeltes, aber vergebliches Hoffnungssignal auszusenden schienen. Gerade als es begann, interessanter zu werden, hörte ich ein Dröhnen und dann tauchte eine Securityboot neben mir auf. Genervt, höflich und unmissverständlich wurde ich zum Einsteigen aufgefordert und an den öden Luxusstrand zurückgebracht.

Einfach so Schnorcheln zu gehen war untersagt. Grund dafür waren die Speedboote, die bei ungedrosselter Fahrt nicht auf Schwimmer achten konnten oder wollten. Bestenfalls mit einer Warnboje versehen, wäre das Schnorcheln möglich. Wer schnorcheln wolle, müsse sich für das Schnorchelboot anmelden. 11.00 und 15.00 Uhr. Punkt. Gott, war ich angepisst! 11.00 Uhr war die Liste schon voll, aber 15.00 Uhr gab es noch ein Plätzchen. Man fuhr zu einem abgesteckten Parcour kurz vor der Riffkante. Bei der Ankunft stauten sich unter dem Glasboden Fische, die uns heiß und heftig zu erwarten schienen. Zunächst glaubte ich an Artenreichtum und tierische Neugier. Als ich schon im Wasser war und zum Boot zurückblickte, sah ich den heimlich fütternden und mich schelmisch angrinsenden Skipper. Was für eine Scharlatan. Wir lernten uns noch gut kennen, da ich von nun an jeden Tag an der inszenierten Aktion teilnehmen würde. Nur so konnte dem Tag eine halbwegs erträgliche Struktur gegeben werden.

Auch mein nächster Versuch, ein wenig Freiheit zu erlangen, war steinig. Mit einem geliehenen Kajak konnte man sich auf einer fest definierten Fahrrinne bewegen. Bei starken Gegenwind machte das sogar Spaß und ich traf einen Schweden, der ebenso wie ich, ein wenig Abenteuer kosten wollte. Wir scheiterten beide grandios. Er, weil er mit einem Hobiecat 3 zu hart am Wind kreuzte, und ich, weil ich mich am dritten Tag mit dem Kajak heimlich bis an die Riffkante vorwagte, um an der 2-Meterwelle zu schnuppern und darauf zu surfen. Das machte riesig Spaß, bis ich wieder 2 Boote entdeckte, die auf mich zuhielten. Vom ersten bekam ich die sanfte Ermahnung, brav und artig zwischen den Bojen zu verweilen, das zweite suchte nach einem angeblich verunglückten Tourist, oder einer Person in Seenot, die von der Küstenwache ausgemacht worden war. Ich beteuerte meine Unschuld und sie suchten halbherzig noch etwas weiter.

Fortan war ich brav. Ich war offenbar aussichtlos auf dem abgesteckten Terrain gefangen und hatte mich abzufinden. Ein toter oder verletzter Tourist war für das Urlaubsparadies in jeder Hinsicht geschäftsschädigend und entsprechend mussten die verrückten Europäer mit sanfter Gewalt vor sich selbst geschützt werden. Es blieb die Idee einer Exkursion ins Inland mit der Besteigung eines der markanten Berge. Bei 32 Grad und einer extrem hohen Luftfeuchtigkeit kommt dabei aber wenig Freude auf. Sogar das Personal klagte über Klimawandel und die ungewohnt hohen Temperaturen. Obendrein waren die Berge ein sichbares Zeugnis des Wolkenwiderstandes. Stets verhangen und von Niederschlägen gezeichnet. Mauritius muss sich um Wasser nicht sorgen. Auch der enorme Energiebarf kann nachhaltig abgedeckt werden. Wasserkraft, Solarpanels, Biogasanlagen und Windkraft sind hier gut aufgestellt. Ob das in der Gänze stimmt, konnte ich nicht überprüfen, aber es gibt wenig Anlass für Zweifel.

Die Abende verbrachten wir als romantisches Paar. Wir speisten im sanften Abendwind, bei untergehender Sonne und bei Kerzenschein. Die Wellen plätscherten am Strand. Kitsch ich komme! Es war wirklich nett, bis eine Asiatengruppe über das Ressort herfiel. Das laute Geschnatter ging noch an, die Rücksichtslosigkeit beim Kampf am Buffet schon weniger, die Tischmanieren jedoch sprengten jegliche Vorstellungskraft. Ich habe nicht herausbekommen, um welches Volk es sich genau gehandelt hat. Folgende Merkmale vielen ins Auge: Man schlürfte vom Teller, aß liegend auf dem Tisch, Arme und Hände scheinen darauf festgewachsen. Man war dürftig und unpassend bekleidet und es wurden Zutaten frech auf dem Tisch platziert. Das wirklich exquisite Essen wurde mit Unmengen an mitgebrachten Gewürzen malträtiert. Wasserflaschen kreisten und von allen und jedem klebte der Blick auf einem Handydisplay. Beim Essen wurde geskypt und gefacetimet was das Zeug hielt. Die Hoffnung, dass die Gruppe uns schon nach kurzer Zeit wieder verlassen würde, starb still dahin. Erträglich war nur, dass die ganze Bagage stets 9 Uhr in Busse gesperrt und über die Insel transportiert wurde.

Stückwerk Transalpin und ein nachdenklicher Ausklang

Meine erste Begegnung mit der Idee einer Transalpin lag tief in den 90ern. Der verwegene Pionier Andreas Heckmair (Der Sohn vom Eiger-NW-Helden) hatte mit dem Radl eine unerbittliche Direttissima zum Gardasee hinunter gelegt. Es gab einige Beiträge und die zündende Idee startete durch, artete zu Geld bringenden Rennen aus und man kann heute unter zahllosen Routen, Varianten und der Variante von Varianten der Variante wählen. Für Wohlfühl-Aktivtouristen gibt es Gepäcktransporte, vorgebuchte Hotels und Wellnessoasen für die müden Glieder.

Zum Schrofenpass hinauf. Die erste Schlüsselstelle der Heckmair-Route

Eine spartanisch angelegte Idee zu verwässern und einen Riesen-Rummel daraus zu machen, liegt offenbar in der Natur des vom Büroalltag geplagten Menschen. Zugleich ergibt sich damit für abseits gelegene Tourismusgemeinden ein gutes Überlebenskonzept und für Bergführer ein weiteres Zubrot im Sommer.

Man liest viel vom Flow, von geilen Spots oder von gewagten, schindigen Routen. Das Gute daran, der aktive Büro-Tourist liebt es, gesehen zu werden und wenn man die Moderouten kennt, kann man ihnen auch gut ausweichen oder einfach antizyklisch planen.

Was für meine Touren nie in Frage kam und kommt, ist die Benutzung von privaten Kraftfahrzeugen. Ich kann nicht die Natur schätzen und über den Schutz der Umwelt schwätzen und dann in einem Wohnbus, den ich mir als drittes Auto halte, nächtigen. Autos in den Bergen beleidigen mein Auge!

Da bin ich sehr konsequent, allerdings habe ich für das Erreichen fernerer Ziele noch keine Lösung gefunden. In der Tat, ich fliege, finde das salopp geschrieben „scheiße“, aber ich bewege mich ansonsten ausschließlich in kollektiv beladenen und oder auf muskelbetriebenen Fahrzeugen.

Zurück zur Transalpin. Nach dem Heckmair-Artikel habe ich mich bis 2010 fast ausschließlich dem Bergsteigen, Skitourengehen und Alpinklettern gewidmet. Denn das MTB hatte den entscheidenden Nachteil, nicht in schnellen Zügen mitgenommen werden zu können. Da ich gern viele Touren unternehme, aber nur wenig Zeit habe, bin ich auf eine effektive An- und Abreise (ohne Auto) angewiesen.

Der AHA-Effekt kam 2012. Ich entdeckte ein vollwertiges Mountainbike, das zur Demontage und Mitnahme im ICE geeignet war. Das Gerät wurde gekauft und bei mehreren Karwendeltouren eingeweiht.

Ein weiteres Credo: Man nehme alles auf den Rücken, minimiere wo immer es geht und habe eine vollwertige Overnighter-Ausrüstung dabei. (Da ich mich bei anderen Disziplinen schon seit meinen 14. Lebensjahr so fortbewege, war mir dieses Denglisch für eine so banale Sache noch gar nicht untergekommen.) Wenn man alles dabei hat, kann man bleiben, wo man will und wo es schön ist. Man kann noch fahren, wenn die anderen schon einkehren müssen und ist immer einen Schritt voraus oder höher. Und das Ganze (Achtung Denglisch) by fair means zu unternehmen, war meine Maxime.

Alles dabei, vollkommen autark

Im Karwendel, gleich bei der ersten Tour, musse ich Lehrgeld bezahlen. Ich plumpste vom Plumser Joch, weil ich zu faul und zu schnell gewesen war. Ich stürzte über den Lenker und lernte, dass ein Helm ohne Kinnschutz eher hinderlich und nicht nützlich ist. Dann nämlich, wenn man nach vorn fällt, mit den Händen bergab bremst und final auf dem Kinn ausläuft. Ich blutete aus zahllosen Schürfwunden, da ich nur dünn bekleidet und ohne Handschuhe gefahren war. Wasser zum Auswaschen gab es in diesem trockenen Sommer nicht und meine letzte Tetanus-Spritze lag über 20 Jahre zurück. Mein Team-Kollege war Arzt und er war sich ganz sicher, dass das Handgelenk gebrochen sein musste. Ich fuhr trotzdem ins Tal hinab, um den Achensee herum, am Sylvenstein-Stausee vorbei und auf einen weiteren Pass hinauf, wo wir wegen eines Wettersturzes in einer von Fliegen verseuchten Berghütte einen ganzen Tag ausharren mussten. Als ich 4 Tage später in einer Notaufnahme vorstellig wurde, war das Handgelenk noch immer arg geschwollen, aber nicht gebrochen. Fieber bekam ich von der Tetanusspritze.

Ein Jahr später zurück im Karwendel wich ich dem Plumser Joch feige über den großen Ahornboden und das Stallental aus und erst ein weiteres Jahr später überwand ich das Trauma. Zusammen mit meinem Sohn fuhren wir in jeder Hinsicht kontrolliert über das Plumser Joch bei üblem Wetter zum Achensee hinab und dann weiter über den Rofan und die Brandenberger Alpen nach Kufstein.

Plumser Joch von der zahmen Seite. Links hinter dem Pass geht es  in steilen und schlottrigen Kehren hinab zum Achensee 

Wieder eine Jahr später eine Tour von Salzburg nach Kufstein über zahllose Pässe hinweg und im Jahr (2017) danach über die originale Heckmair-Route, wo man das Rad auch mal hoch und wieder runterträgt, bis St. Anton am Arlberg. Immer als Overnighter, nicht immer bei gutem Wetter, aber immer dort fahrend, wo fast niemand auf die Idee gekommen wäre, sein Rad samt Rucksack hinüberzuschleppen. Und damit bin ich im Jahr 2018 angelangt und der Tour, die uns/mich weiter gen Süden, der „großen Pfütze“ in Norditalien entgegenbringen sollte. Pardon, ich meine den Gardasee.

Per Eurocity nach Jenbach. Das Radl wird enthüllt

7. Juni: Los ging es in Jenbach, das ich bei meiner Stallentaltour schon erreicht hatte. Wir waren nach einem schneereichen Winter verdammt früh im Jahr dran und wir pokerten, dass das Pfitscher Joch schon irgendwie zu meistern sei. Stundenlang fuhren wir in das ziemlich langweilige, endlos lange und breite Zillertal hinein. Erst ab Mayrhofen geht es hinauf und wir erreichten als einzige Gäste die riesige Wirtschaft Breitlahner, wo wir uns ein behagliches Zimmer gönnten. Am nächsten Tag ging es mit abartig vielen Autofahrern hinauf zum Schlegeisspeicher. Ein Touristenspot zum Knipsen, wo man in toller Pose vor einer Bergkulisse so tun konnte, als sei man hinaufgestiegen. Wie wir im Breitlahner erfahren hatten, war das Pfitscher Joch schon passierbar. Wir waren vollkommen allein da oben! Im Gasthof hatte man uns eindrücklich beschrieben, welche Massen an Bikern sich hier im Sommer drüberschinden. Wieder einmal hatte der Grundsatz „antizyklisch“ gesiegt. Hütte zu, Bikers Ruh! Gemeint ist das Pfitscher Joch Haus auf der italienischen Seite, das zur Hochsaison dauerbelegt ist. Mit dem nächsten Planungsschritt allerdings , hatten wir bzw. ich gründlich danebengegriffen.

Pfitscher Joch

Zunächst allerdings eine schön feuchte Abfahrt. Kurz zuvor hatte es ein Gewitter gegeben, dessen Ablaufwasser sich nun über unsere Rücken, zum Kopf hinauf und wieder hinunter ergoss. Wir sahen aus wie Schlammkrieger nach wochenlangem Stellungskampf. Im Tal konnten wir uns säubern und sanft dahin rollen, bis wir zu einem Abzweig und damit zu der gewagten Idee, einer Direktüberquerung kamen. Es sollte über das Pfunderer Joch und das Pfunderer Tal ins Pustertal gehen. Eine auf der Karte nett aussehende Verbindung, die Einsamkeit versprach. Übersehen hatte ich, dass das Joch bei fast 2600hm lag und wir uns nach einem extrem schneereichen Winter sehr früh im Jahr das Tal hinauf mühten und obendrein Gepäck dabei hatten. Da schieben und fahren von Anfang an auf das gleiche Tempo hinaus lief, aber schieben deutlich weniger Kraft verbrauchte, ließen wir uns bis zum avisierten Übernachtungsplatz Zeit.

Männeridyll: In kleinen Zelten ist der Partner sehr nah!

8. Juni Das Erwachen bzw. Zweifel kamen erst am nächsten Tag, als wir die tief verschneite Passhöhe vor uns sahen. Wir stiegen allerdings von der Nordseite auf. Die Südseite musste besser aussehen. Ein Irrglaube, wie sich herausstellen sollte, denn in diesem Jahr hatte es auf der italienischen Seit deutlich mehr Schnee gegeben. Minimalismus heißt auch, dass wir keine Stöcke dabei hatten. Wer schon einmal ein Altschneefeld im Frühjahr überquert hat, weiß, wie mühsam und gefährlich das ohne Ausrüstung sein kann. Wir hatten es nicht mit „Feldern“ sondern ganzen Hängen zu tun, in denen sich tiefe Wasserablaufrinnen gebildet hatten. Umkehr wäre die richtige Entscheidung gewesen, aber im 60 km entfernten St. Virgil gab es als Tageslohn ein kostenpflichtig geordertes Zimmer, eine Dusche und sicher gutes Essen. Wieder hinab und um das Ganze Massiv herum hätte mindestens zwei Tage gebraucht. Man kann in solchen Situationen palavern, erwägen und zaudern.

Snowbiking

Viel kommt bei Gruppendiskussionen meist nicht heraus. Auf meinen zahllosen Touren habe ich gelernt – ohne einen Versuch können die Bedingungen vor Ort nicht beurteilt werden. Also fuhren und schoben wir bis zum Beginn der großen Schneefelder hinauf. Unterwegs hatten wir Weidestöcke eingesammelt, mit deren Unterstützung wir im ersten Durchgang die Passhöhe und die ersten Meter hinab mit dem Gepäck bewältigten. Dann alles wieder zurück und ein zweiter Durchgang mit dem Rad auf dem Rücken. Das Ganze über jeweils 300 hm und was wir nun auch wussten, die andere Seite sah wesentlich schlimmer aus. Obendrein hatte sich ein gewaltiges Gewitter zusammengeschoben, das zum eiligen Abstieg mahnte. Blitzen möchte man in dieser ungeschützten Höhe nicht ausgesetzt sein. Es dauerte noch zwei weitere Stunden, bis wir wieder festen Boden unter den Rädern hatten. Mein Sohn hatte mich bei diesem Abstieg mehrmals verflucht, beschimpft und gedanklich verschiedenen Todesarten unterzogen. Noch aber lagen die Nerven nicht vollends blank. Noch!

2 Tage Einsamkeit und endlich wieder fester Boden. Im Pfunderer Tal hängen heftige Gewitter

Fast eine Stunde rollten wir zum Pustertal hinab. Hinabrollen macht Spaß, aber es ist ein getrübtes Vergnügen, wenn man weiß, dass es wieder hinauf gehen wird. Wir rollten dabei knapp einem starken Gewitter nach, dessen Spuren deutlich zu sehen waren. Unten dann ein erster Streit um die richtige App. Mein Sohn schwor auf „komoot“ als das ganz große Licht am GPS Bikerhimmel. Allerdings zeigte diese eine noch zu bewältigende Strecke von 45 km und 1400hm an, was ich mir bei den hinter uns liegenden Kilometern nicht vorstellen konnte, geschweige denn wollte. In der Tat gab es eine machbare Lösung durch das Gardertal auf der stillgelegten, ehemaligen Frontstraße entlang, die vor einigen Jahren durch viele Tunnelabschnitte ersetzt wurde. Punkt 18 Uhr erreichten wir unser Hotel. Lebend und nicht vollends kaputt. Zudem mit der Aussicht auf gutes und heißes Wetter in den nächsten Tagen und einen grandiosen Tourenabschnitt. Unser Streit am Abend ging um eine Banalität, er zeigte aber, wie viele nervliche Federn wir an diesem Tag gelassen hatten.

9. Juni Mit dem Fanes-Sennes-Naturpark verbinden mich gut und gern 40 Sommer- und Wintertouren in 24 Jahren. Erst im extrem trockenen Sommer des letzten Jahres hatte ich (nach einer fast 10jährigen Abstinenz in dieser Region) mit meiner Tochter eine große, antizyklisch angelegte, immer dem Dolomitenwanderweg 1 ausweichende Runde gedreht und dabei feststellen müssen, dass fast alle Quellen und Bergseen versiegt waren und sich in diesem nicht mit Liftanlagen verschandelten Gebiet gewaltige Ströme von Bergwanderern bewegten. Aus den einst spartanischen Hütten, waren Berghotels geworden.

Geschafft! Die Großfanes. Als Lohn ein kühles Bad und einen freien Nachmittag

Was sich bei unserer Fahrt an Automengen in das Tal hineinbewegte, war beeindruckend. Dabei hatte die Saison nach lange nicht begonnen. Der Fahrweg hinauf zur Faneshütte war überfüllt mit E-Mountainbikern aller Nationalitäten, die ihre Leihräder kaum beherrschten und immer mal vom Weg abkamen. Es gab auf 600hm zur Kleinfanes hinauf nicht einen Moment der Ruhe oder Einsamkeit. Oben an der Hütte dann eine kaum zu überschauende Menschenmenge. Wir zogen sofort weiter zur Limo-Passhöhe hinauf, aber auch hier Menschen über Menschen. Mit der Großfanes hatten wir unseren Endpunkt erreicht. Eine sagenhafte Bergkulisse tut sich dort oben auf, aber inmitten telefonierender Menschen fällt es schwer, das Ambiente zu genießen. Erst am Abend kam die erhoffte Einsamkeit, aber auch Milliarden von Mücken. Das Gebiet ist im Juni nach der Schneeschmelze ein Paradies für Plagegeister, denen man nicht einmal auf der Gipfelhöhe entkommen kann. Wir hatten trotzdem eine schöne Nacht. Die Bergpolizei schaute vorbei. Offenbar mehr zum ethnischen Check. Wir waren weiß und deutsch, also durften wir bleiben. (Für Leser die mich nicht kennen: Das ist Sarkasmus!)

Exklusiver Übernachtungsplatz. Die Senneshütte auf der Großfanes. Die Bergpolizei hat’s erlaubt

10. Juni Für diesen Tag hatten wir eine Rückfahrt von St. Lorenzen gebucht. Das Wetter war gut, die Abfahrt entspannend und kaum, dass wir wieder im Zug saßen, legten auch die Gewitter wieder los.

Prolog: Es war die fast immer Gewitter-Tour, wobei uns nicht eines erwischte. Und es war die Tour, die mir deutlicher als in all den Jahren zuvor die erreichten Ausmaße des Alpentourismus vor Augen führte. Mit dem Wegfall vieler sicherer Reiseländer und dem Siegeszug so bequemer Aufstiegsmittel wie dem E-Bike hat sich in der zelebrierten Idylle gewaltig viel getan. Lange wird das nicht mehr gut gehen! Jede Hütte kämpft mit noch mehr Service gegen die andere. Die Hütten, vor allem auch die Alpenvereinshütten, sind zu Funspots mutiert. Möglichst jeder Spot hat einen eigenen Klettergarten, markante Tiere, Spielplatz, Badepool, liegt an einem angesagten Höhenweg (Die wie Pilze aus dem Boden schießen. Der über die Fanis laufende Dolomiten-Wanderweg Nummer 1 gehört zu den ältesten und ganz legendären Routen) und und und. Ein Problembewusstsein bei den Besuchern scheint selten zu herrschen. Man klagt W-LAN und Duschen ein, bucht das Komplettwanderpaket Monate im voraus und schwätzt dann auf der Terrasse über die wunderbare (eigentlich ja sichtbar zerstörte) Natur. Nicht zum Nachbarn, nein, ins Handy natürlich! Ich weiß, ich bin jetzt böse und lamoyant, aber wenn man die Berge schon 40 Jahre besucht, schätzt und kennt, macht man sich halt so seine Gedanken. Und denen kann man auch antizyklisch nicht entgehen. Und ganz zum Schluss: Wer eine schöne, einsame Gegend kennt und liebt – behalte es für sich! Bitte keine ultimativen Geheimtipps! Man muss nicht alles teilen. Mathematisch besehen wird es dann immer, immer kleiner. Oder weniger.

 

Wetterstein „untenrum“2018

Prolog: Über Jahre hinweg habe ich die Region Garmisch-Patenkirchen gemieden, wie der Teufel das Weihwasser. Überlaufen, verbaut, überbewertet, das waren Attribute, die ich mit diesem Gebiet verband. Ende November 2016 dann ein erstes Aha-Erlebnis. Ich hatte einen Tag nach einem München-Termin frei und Garmisch war gut und schnell zu erreichen. Im Tal herrschte Nebel und ich mühte mich mit dem Radl und dann per pedes immer weiter nach oben, bis ich unterhalb der Oberrheintal-Hütte „durch die Wolken stieß“. Kein Mensch war unterwegs und ich konnte den legendären Spot der Gesetzlosen ausgiebig und ganz allein erkunden. Der erste befremdliche Fund hinter dem „Gatterl“ war bezeichnenderweise ein Golfball! Das Tal selbst lag im Schatten, aber auf dem Weg zum Schachen hinauf kam ich in der Sonne zum Schwitzen. Von dort oben stammt auch ein Foto auf das Zugspitzplatt, den Stuiben und die wunderbare Alpspitze, das ich mir im Büro auf den Desktop lud und das mich immer wieder an das da oben gegebene Versprechen erinnern sollte: Du kommst wieder! Hier geht noch viel, verdammt viel und hinter den Touristenspots ist es sicher einsam. Wie recht ich doch hatte.

2017 folgten dann Skierkundungen. Zuerst mit Antonia im Februar, die ich für das Skifahren begeistern wollte, was aber gründlich misslang. Sie schlug sich wirklich gut, aber ich war als ungeduldiger Lehrer zu heftig und brutal vorgegangen. Nach dem Motto „Learning by Doing“ hatte ich sie auf dem Zugspitzplatt gleich auf die Piste gestellt. Es gab Tränen, Verzweiflung aber am Ende des Tages auch schon nette Schwünge. Spätestens am zweiten Tag da oben dachte ich, das Eis sei gebrochen. Leider gefehlt. Seit der Rückkehr ist „Skifahren“ zum familiären Unwort geworden. Leider!

Im Winter 2018 zwei weitere Touren (siehe Beitrag Ecki), bei denen die Alpspitze als ersehntes Skitourenziel nur aus Gründen der gebuchten Zugfahrkarte nicht erreicht wurde. Im September des Jahres war mit Leif-Willi eine Alpintour geplant. Fallen sollte endlich der Jubiläumsgrat, an der Seite hatte ich einen jungen leistungshungrigen Menschen, aber alles kam ganz, ganz anders…

Gründliche Arbeit!

21. September: Der Plan war folgender: wir würden am nächsten Tag mit der ersten Seilbahn auf die Zugspitze fahren, bis zur Biwakschachtel klettern, dort eine aussichtsreiche Nacht verbringen und nach dem Abstieg am nächsten Tag noch irgendeine Runde drehen. Was bei diesem Plan nicht mitmachte, war das Wetter und wie wir erst im Zug erfuhren, die bayrische Zugspitzbahn. 6 Tage zuvor hatte man bei einer Bergungsübung eine der sauteuren, nigelnagelneuen Kabinen geschrottet. Mit einer Kabine funktioniert das Ganze nicht und so blieben für die Bergfahrt nur der ewig fahrende Zug, plus Seilbahn auf den Gipfel. Wir disponierten um und zäumten das Pferd von hinten auf. Hinein in die Alpstitzbahn und im Affenzahn den Klettersteig hinauf auf die Alpspitze. Den ganzen Sicherungskladderadatsch braucht es hier nicht, aber die Kolonnen vor uns sahen das anders. Ein ewiges Umgeklippe, Geschnaufe und Gestöhn. Oben trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Wir zogen nach einem Rucksackdepot weiter Richtung Zugspitze, um bei dem noch guten und warmen Wetter einen „Geschmack“ für den Charakter dieser viel gepriesenen Tour zu bekommen. Und ja, sie ist lang und hätten wir nicht ganz so sehr auf den Wetterbericht vertraut und die erste Bahn genommen, wir wären durchgekommen. So blieb nur der Neid auf die uns Entgegenkommenden, die es geschafft hatten. Alle mir sehr leichtem bzw. keinem Gepäck. Schwer ist der Grat nicht, aber das gilt nur, wenn das Wetter hält.

Alpspitze vor dem Wetterumschwung

Wir mussten also enttäuscht über die verpasste Gelegenheit absteigen. Hintunter ging es ins Höllental, zur neu erbauten Höllentalangerhütte, die modern, aber uncharmat und im Badtrakt stinkend das Tal verschandelt. Ich habe noch nie in einer so unbehaglichen Hütte übernachtet und werde das auch definitiv nie wieder tun. Am Abend der versprochene Regen, der die ganze Nacht anhielt und am nächsten Morgen für dichten Nebel sorgte.

Jubiläumsgrat bei besten Bedingungen. Zwei Tage später liegt hier Schnee

22. September Mit der Hütte befindet man sich auf der Ameisenstraße gen Zugspitzgipfel über das Hölltal und einen anspruchsvollen Klettersteig. Die Schlüsselstelle in diesem heißen und niederschlagsarmen Sommer war die Randkluft des Hölltalferners, die zu überwinden, lange Warteschlangen produzierte. Aus diesem Grund hatte man kurz vor unserer Ankunft in der Kluft Steighilfen angebracht. Allerdings war der Gletscher aper und da wir aus Gewichtsgründen auf Steigeisen verzichtet hatten, war der Aufstieg zusammen mit den vielen, aufgeregten „Gipfelaspiranten“, die uns den Morgen mit zuschlagenden Türen und viel Getue versüßten, keine Option. Es ging raus aus der nervenden Betriebsamkeit über die Rinderscharte zum Hölltor.

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Auf dem Nordwandsteig der Alpspitze

Der Aufstieg war angenehm, gut ausgebaut und wenn man die Seilbahn ausblendet und sich vom Nebel mit Blindheit schlagen lässt, fast einsam alpin. Oben dann Mengen an Kletterern, die an diesem Sonnabendmorgen bei abziehenden Regen im nassen Fels unter Anleitung der Bergrettung Sicherungstechniken übten. Wir folgten dem Nordwandsteig, der aufwendig in den Fels geschlagen ist und in vergangenen Erschließerzeiten enorme Kosten produziert haben muss. Überhaupt ist an diesem deutschen Prestigemassiv so ziemlich alles erschlossen.

Der Schützensteig in seinem zahmeren Abschnitt. In den unwegsamen und gerölligen Passagen fehlte die Muse zum Fotografieren

Wir rasteten am Bernadeinkopf, querten zur Mauerscharte und folgten dem Schützensteig zur Reintalangerhütte. Der Steig war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Der Glaube, es ginge bergab, wendete sich ins Gegenteil. Wir stiegen und stiegen, suchten immer wieder den Pfad, querten Schotterrinnen und kamen einfach nicht vom Fleck. Der Lohn war absolute Einsamkeit, weil offenbar kaum jemand auf die Idee kommt, hier oben zu queren. Es war deutlich kühler geworden, das angesagte Sauwetter blieb jedoch aus. Ganz am Ende des Steiges eine sagenhafte Gumpe, der wir nicht widerstehen konnten und die bei schönen Wetter sicher gut besucht ist.

Abgetaucht!

Einige Worte zu Leif-Willy. Er ist der Freund meiner Tochter, sehr schnell zu Fuß, aber immer so anständig, hinter mir zu bleiben, auch wenn ich die Ungeduld schon im Nacken spürte. Leif-Willy hat die Figur eines Allround-Bergsteigers. Zum Sportklettern zu stämmig, aber für Lasten, Entbehrungen und widrige Bedingungen wie gemacht. Dabei von gutmütiger Natur, was sich, deshalb schreibe ich das, nur beim Anblick des Massenlagers in der Reintalangerhütte und den winzigen Bergsteiger-Portionen zu überhöhten Preisen, ändern sollte. Das Lager war wirklich sehenswert. Ich habe schon viele Hütten, viel Enge, Geschnarche und Gefurze erlebt, aber dieses Lager sprengte das bereits erlebte Leid. Eingefercht auf wenigen Quadratmetern sollten hier 32 müde Berggänger ruhen. Auch für schmal gebaute Menschen war es dabei nicht möglich, ohne intensiven Kontakt zu seinem Nachbarn auszukommen. Was nicht immer angenehm sein muss. Obendrein wurde vehement vor Bettwanzen gewarnt, die mit einem weißen Pulver bekämpft wurden, und deren Bisse man der Hüttenwirtin anzeigen sollte. Schon bei dem Gedanken an all diese Warnungen begann es mir zu jucken. Leif-Willy bekam beim Anblick des Raumes den Mund nicht wieder zu. Er wirkte, verzweifelt, entsetzt und war für meinen Trost nicht empfänglich. Als wir schließlich mit hungrigen Mägen im Bett lagen, begannen unter uns die Reintalanger-Gauchos ein Konzert. Der Boden bebte, aber die Musik war nach meinem Geschmack. Gern hätte ich die Musiker bei ihrem leidenschaftlich ausgeübten Handwerk betrachtet, aber in die Stube hineinzukommen, war der oberen Hüttenklasse mit ihrer vielstündigen Stuhlbesetzungsstrategie vorbehalten. An diesem Ort wurde mir wieder einmal so richtig bewußt, warum ich das einsame Norwegen oder Kanada so liebe. Kurzum, wir überlebten die Nacht, es wurde weniger geschnarcht als befürchtet, das Frühstück war mager und wir werden auch hier nie wieder einkehren!

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Ort der Enge! Die Reintalangerhütte

22. September Wir flüchteten über den Zufahrtsweg aus dem Reintal, wobei wir vielen fremdländischen und digital hochgerüsteten Menschen begegneten, die sich todesmutig in modischer Bekleidung den alpinen Gefahren stellten. Weiter als als bis zu einem teuren Bier in der Hütte werden sie wohl nicht gekommen sein. Auf dem Weg zum Schachen hinauf wurde es deutlich ruhiger, aber an der „Hütte“ des bayrischen Märchenkönigs angelangt, holte uns der Albtraum wieder ein. Es war Sonntag und es herrschte schönes Wetter. Nicht abreißende Stöme von Bergwanderern und elektrifizierten Mountainbikern ergossen sich auf die vertrockneten Almwiesen.

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Jagdschloss Schachen mit Alpspitze
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Sehr exponiert! Die Meilerhütte

Auf dem Steig zur Meilerhütte entkamen wir dann endgültig den Massen. Die Hütte steht eindrucksvoll in einer Gratscharte und ist schon von weither zu bewundern

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Abendliche Klettertour. In der Scharte die Meilerhütte

Sie gehört nicht der Wuchersektion Oberland, sondern den Garmischern. Die Wirtin vetrat diese Volksgruppe als eine grobschlächtige und hochgewachsene Frau, die uns mit militärischer Strenge auf den Küchenschluss hinwies. Ich wagte nachzufragen, wie der genau zu verstehen sei, stieß aber auf Unverständnis und kam mir wie der letzte Depp vor. Als wir aber vor der rauchenden Wirtin unser Kletterzeug auspackten, ernteten wir wohlwollende Milde und wir stiegen mit dem wage hingeworfenen Satz, dass es auch für Spätheimkehrer schon noch etwas gäbe, auf den Grat hinauf. Dabei hatten wir aus Gewichtsgründen nur ein „Confidence“-Seil von 20 Metern Länge. Einen Sturz möchte man mit diesem Strick nicht erleben und da die Gipfelwand ganz nach einem alpinen 5er ausschaute, kehrten wir auch hier wieder auf halber Höhe um.

Hinten die Gipfelwand der Partenkirchner Dreitorspitz

Unserer Tour mangelte es permanent an der letzten Entschlossenheit. Alles war nur halb, fast ganz oder eben „untenrum“. Mit solcher Zögerlichkeit kommt man in den Bergen nicht weit.


Schlechtes Wetter zieht auf

Der eigentliche Wetterumschwung, mit dem uns schon seit drei Tagen gedroht wurde, kam dann wirklich in dieser Nacht. Nachdem wir noch am Abend im T-Shirt den Mond bewundert, aber nicht besungen und die klippenartigen Felsen hinter der Hütte erstiegen hatten, stürmte, regnete und schneite es stundenlang. Bei diesen Verhältnissen ohne Essen und richtiger Ausrüstung auf einem Grat festzusitzen, wäre sicher nicht lustig gewesen. Von der Hütte aus nach Garmisch hinab jedoch war es nur ein schlüpfriges und nasses Gestapfe.

Eis und Schnee, Sommer ade!

Den Blick vom Grat am letzten Abend hatte ich genossen. Da gab es viel verheißungsvolles Gelände zum Klettern. Die Hütte, samt Wirtin hatte einen authentischen Charme, wie ich ihn zuletzt in den 90ern im Wallis erlebt hatte. Auch das Klo war bemerkenswert. Das Klopapier konnte man mindstens zweimal verwenden. Der Wind trieb es nach dem ersten Durchgang wieder hinauf. Das ist doch mal gelebte Nachhaltigkeit! Auch wenn nicht wirklich klar wurde, ob es tatsächlich das eigene Papier war, das da erneut um die Nase wehte. Scheiß drauf!