Das grüne Dilemma

In meiner Stadt herrscht der selbst ausgerufene Klimanotstand. Was das bedeuten soll, weiß kein Mensch. Zumindest ich nicht und auch nicht die Menschen vom Räum- oder Winterdienst. Eigentlich soll mit 24 „zukunftsweisende Maßnahmen“ das Klima gerettet und der Radverkehr gefördert werden. Eigentlich! Nach dem Schneeeinbruch jedoch kollabierte tagelang der Nahverkehr. Nur die SUV-Fahrer triumphierten. Endlich konnten sie den neidischen Mitbürgern zeigen, was unter ihrer Haube steckt.

Fast eine Woche lang kam man nur zu Fuß oder mit den Schiern oder im PKW auf Arbeit. Radwege wurden vom Winterdienst zur Schneeablage genutzt. Denn welcher Idiot fährt bei diesem Wetter schon mit dem Rad durch die Stadt. Nun – ich zum Beispiel. Und zwar gut beleuchtet und mitten auf der Straße. Hinter mir eine lange Autokolonne. Da habe ich Nerven wie Stahl. Schließlich gibt es einen angeblichen Räumplan, der Fahrradfahrer und Autofahrer gleich behandeln soll. Also lasse ich mich nicht diskriminieren und zeige, was Klimanotstand zu bedeuten hat.

Da bin ich wie der Hofreiter. Der ist der Feind vom Winfried und er steht noch zu den urgrünen Werten. Der Winfried Kretschmann passt ja eher in die CDU. Grün ist an dem Kerl nix mehr. Als der Anton Hofreiter vor wenigen Jahren seine Thesen für die Elektro-Moblität verkündete, ist der Winfried ausgerastet. „Das sei so dem Bürger nicht vermittelbar!“. Und die Grünen würden mit solchen Thesen wahlpolitisch „abkacken“. Der Winfried hat ja auch die Schwaben und Mercedes am Hals. Da ist nicht so viel mit „grün“.

Und jetzt hat es der Hofreiter wieder getan. Mitten im Wahlkampf verkündet er die Abkehr vom Einfamilienhaus als klimapolitische Notwendigkeit. Die deutsche Spießeridylle soll abgeschafft werden, weil damit Flächen versiegelt, Innenstädte verdorben und lange Anfahrtswege gefördert werden. Recht hat er, der Hofreiter, und er sagt, was ein Grüner sagen sollte. Aber damit hat er den Realos in die Suppe gespuckt.

Realos sind Grüne, die in der Realität der Wähler angekommen sind und dabei ihr „Grünsein“ verloren haben. Sie sind farblos, abwartend und allein beherrscht von der Frauenfrage. Deshalb kann sich der Habeck sein Kanzlersein auch schön abschminken. Never werden die Grünen einen Mann nominieren. Das wäre wider jeden Zeitgeist. Aber ob die Baerbock ein Herz für Radfahrer haben wird, frage ich mich?

Ja, ich bin ein Grüner. Und ich will keine blassen oder nivellierten Realos sondern grüne Grundsätze und einen echten Plan. Unser Bürgermeister zum Beispiel tut auch „grün“. Er ist ein schöner und rethorisch begabter Mann. Er kommt aus der Geisteswissenschaft und kleidet sich auf Wahlplakaten gern wie der noch gesunde Steve Jobs. Er lässt die Mäuse auf dem Tisch tanzen und fährt nicht mit dem Rad. Er lebt „radlos im Radhaus“ und schaut dem Verkehrschaos zu.

Er sieht den langen Stau und mich als Verursacher. Als mahnenden Frontmann. „Nimm den Schieber und lass den Worten Taten folgen!“, rufe ich ihm zu. „Klimanotstand heißt: Schnee gehört vom Radweg auf die Straße und nicht andersherum. Dann wird das was!“

Er kann mich nicht verstehen. Sein Fenster ist zu. Unten parkt sein Dienstwagen. Aber er winkt mir huldvoll. Mir, der „singularisierten“ Critical Mass.

Eiszeit…

Heute Morgen war ich schon kurz nach sechs beim Bäcker und wurde Ohrenzeuge der Morgenansprache des großen Gauleiters.Wenn der große Gauleiter aus der Nachtschicht kommt, ist er besonders redselig und dann schart er das für ihn arbeitende Volk um sich. Die Frauen vom Fahrdienst, die Altgesellin und den devoten Junggesellen. Auch seine Frau darf den Ergüssen seiner nächtlichen Überlegungen lauschen.

Und er macht sich viele Gedanken beim Brötchen backen. Über steuerliche Vorteile, Ausländer und den faulen „Polacken“, der ihn so schmählich verlassen hat. Heute Morgen ging es um die Trottel, die schon aufs Eis gehen (also mich), wie viele schon eingebrochen seien und dass man sie ersaufen lassen soll.

Und es ging um Buletten. Nicht die zum Essen sondern die unliebsamen Zuzügler aus der Hauptstadt, die hier alles aufkaufen und die dörfliche Kultur zerstören. Denn mit Buletten kamen auch die Bürgerinitiativen, der ernst gemeinte Naturschutz und die hohen Zäune.

Der große Gauleiter kennt sich aus. Er gibt hier die Ideologie vor und seine Frau träufelt sie in kleinen Dosen den Brötchenkunden ein. Ja, ja. Volksredner und Anstreicher sind des Rückrat der Deutschen Geschichte. Der große Gauleiter züchtet auch deutsche Schäferhunde und er ist unser Bäckermeister. Er ist der Nachbar vom kleinen Gauleiter, um den es in letzter Zeit merkwürdig still geworden ist. Vielleicht, weil er einen neuen Freund gefunden hat. Der kleine Gauleiter ist auch nicht ganz so perfide und die Schar seiner Jünger ist klein.

Ich war also auf dem Eis und solches Tun ist zuerst den Einheimischen vorbehalten. Den Eingeborenen also, die noch genau wissen, wie viele hier schon ertrunken sind und wann wer mit dem Fahrrad im Suff im eingebrochen ist. Sie sind der Natur verhaftet. Nur sie kennen die Stimmen des Eises. So war das wirklich einmal. Als ich vor fast zwanzig Jahren hier angekommen bin, gab es alte Männer, die das Eis noch kannten. Die genau wussten, wann und wo und wie man die Kufen schwingen kann und muss.

Diese Stimme des Dorfes ist heute allerdings verstummt und den Friedhof kann man nicht befragen.

Und so ist es auf dem Eis wie in den Berghütten. Es gibt die Ängstlichen, die Philosophen und die Hasardeure. Die einen ziehen früh los, weil man das so macht. Nicht weil die Bedingungen es verlangen. Die anderen haben immer einen Grund, lieber nicht vor die Hütte zu treten und die Hasardeure ziehen einfach los, wenn es ihnen passt. Sie machen, was sie für richtig halten. Sie misstrauen dem Geschwätz und den Konventionen und sie können dramatisch scheitern. Dann haben die Vorsichtigen und die Philosophen wieder Stoff für die nächsten Jahre. Für ihr „Warum man das so nicht macht“. Ich habe noch nie auf Gauleiter gehört und schon auf vielen Bergen gestanden, die man so nicht hätte besteigen dürfen.

Auf dem Eis und im Leben halte ich es genauso.

Doppelt ist nicht immer genug oder wie 20 Grad den Ehefrieden gefährden können

„Alles eine Frage des Blickwinkels“, sage ich, als meine Frauen behaupten, im Wohnzimmer sei es kalt. Ich habe die Nacht draußen verbracht und genieße jetzt die mollige Differenz von 20 Grad. „Stellt euch das doch mal im Sommer vor! Statt zwanzig, vierzig Grad. Das bewegt sich zwischen Wohlbefinden und Wärmekollaps!“

Sie sind nicht wirklich überzeugt, von meiner schlüssigen Argumentation und nörgeln weiter.

Ich knöpfe mir erst mal die Jacke auf und ziehe das steif gefrorene Handtuch aus meinem Rucksack. Beim Baden gab es heute zwei Herausforderungen. Eigentlich sogar drei. Das Hinkommen mit dem Fahrrad war eine schlittrige Angelegenheit. Problem Nummer zwei war offenes Wasser zu finden. Ich musste mich für den lausigen Bachablauf entscheiden, weil ich kein Beil dabei hatte, um ein Eisloch zu schlagen. Da muss man sich flach hineinlegen, um ganz unterzutauchen. Schwimmen wäre mir lieber gewesen, aber man kann eben nicht alles haben.

Das größte Problem sind jedoch die Hände. Die Hände halten nur fünf Minuten stand und sie sind die Schwachstelle meiner wahren Männlichkeit. Sobald man die Handschuhe ausgezogen hat, bleiben nur fünf Minuten, um sich auszuziehen, für die Badeprozedur und das Ankleiden. Danach hat man keine Hände mehr. Nur noch Klötze, die zu nichts zu gebrauchen sind. Es hilft Zeit zu sparen, wenn man die Strümpfe weglässt und nur mit Latschen fährt. Aber im Tiefschnee sind dann die Füße das Problem. Die müssen nicht so geschmeidig wie die Hände bleiben, aber ich finde Füße trotzdem wichtig.

Das also sind meine wirklichen Probleme, als ich das Wohnzimmer betrete und auf meine nörgelnden Frauen stoße.

Ich halte meine steifen Hände an den Ofen und sage es noch einmal: „Zwanzig Grad sind eine Menge und dafür muss man dem Leben dankbar sein!“

Sie schnauben nur empört über meine männliche Arroganz und das ich kein Verständnis dafür hätte und warum so wenig Holz im Korb sei und das Bad sei eine Eishöhle und andere Frauen wären jetzt schon lange weg und ich werde schon sehen was ich davon habe und…..

Ich sage es noch einmal: Im Bad sei es jetzt doppelt so warm wie gestern, doppelt! Und draußen ist es 20 Grad kälter und warum sie denn nicht mit Baden gekommen sind, wenn ihnen kalt sei?

Aber Frauen sind für Logik nicht empfänglich. Sie beharren darauf:

4 Grad im Bad und 6 im Wohnzimmer sind nicht genug!

Sibirische Impressionen: Mein Reisetagebuch

Ich habe mich mal wieder auf den Weg gemacht. Für mich auf ganz ungewöhnliche Weise. Statt mit dem Fahrrad im Tiefschnee durch die Gegend zu eiern, habe ich mich ins Auto meiner Frau gequetscht.

In der Nacht hatte ich noch über eine Skivariante nachgedacht, aber bei 20 Grad minus wird es in den Schnabelschuhen kalt und unter 2 Stunden war der Hauptbahnhof nicht zu erreichen. Also wurde ich meiner hehren Prinzipien untreu. ich schäme mich auch. Mit meiner lieben Frau haben wir nach dem Nahverkehr gesucht und in acht Kilometern Entfernung einen Bus gefunden. 6 Uhr brachte der mich zum Bahnhof und da stand wirklich ein Zug.

Reisen ist wieder ein Abenteuer geworden und dafür liebe ich dieses Land. In Sibirien zum Beispiel wäre bei diesen Bedingungen alles ganz normal und langweilig geblieben. Das hat mir gestern ein Russe bestätigt.

Hier dagegen herrscht Ferienlagerstimmung. Alle machen irgendetwas und es gibt keinen Plan. Die eine Maschine schiebt den Schnee auf die Straße und die andere wieder zurück. Heute Morgen sah ich sogar eine Bürstenkehrmaschine und zwei eingemummelte Herren auf ihrem Rasentraktor.

Der ICE ist wirklich losgefahren und hält gerade an einem Ort, von dem ich noch nie gehört habe. Ein Skifahrer fährt grinsend an meinem Fenster vorbei und hält den Daumen hoch. Ich grüße zurück. Wahrscheinlich wird er noch vor mir die Uckermark erreichen.

Nur rumstehen ist nicht schön, aber in Wittenberg gibt es ein Türstörung. Die ist deutlich interessanter. Viele Menschen drücken ratlos auf Knöpfe. Bürsten und klopfen und ein Herr mit Warnweste macht sich sogar grob mit dem Fuß zu schaffen. Der arme Zugführer schaut in seinem dünnen Uniformjäckchen hilflos zu und recherchiert schon mal nach Anschlusszügen, die er uns schmackhaft machen wird.

In Berlin kann ich eine Stunde mit den Geschmacksentgleisungen des deutschen Zeitschriftenmarktes verbringen. Landflucht und Vorschläge für Corona-Wanderungen rund um die Haustür sind dominante Themen. Denen fällt auch nix mehr ein. In einer Öko-Siedlung entdecke ich das Bild einer jungen Frau mit Pferd, Kind und Pflug. Die sehen ganz glücklich aus. Auf dem Foto. In meiner längst verblassten sozialistischen Jugend wurden mir solche Anblicke als Leid der Kleinbauern und Leibeigenen verkauft. So ändern sich die Zeiten. Back to the Roots – eben.

Dann stelle ich mich hoffnungsvoll an den Bahnsteig 6 tief und warte. Und warte. Und warte. Nach 20 Minuten werden die Menschen unruhig. Die Bahn-App ist ihrer Zeit voraus. Der Zug muss unsichtbar an uns vorbeigerauscht sein. Zumindest digital. In Wirklichkeit steht er in Südkreuz und hat Auaweh. Damit die Hoffnung der Möchtegern-Reisenden nicht stirbt, verschweigt man uns diese Peinlichkeit.

Nach Zwei Stunden in dieser Bahnhofsgruft kommt wirklich ein Zug. Ich war schon zweimal oben der Kanzlerin winken. Sie will ja heute überlegen, wie lange sie ihr Volk noch einsperren kann. Da will man ihr ein wenig Mut machen. „Nur zu!“, rufe ich über den weiten Platz zu ihrem hässlichen Bunker hin.

Huhu!!

Ein Zug, denke ich, als das rote Ding unangekündigt angerauscht kommt. Wirklich ein Zug. Vorsichtig taste ich nach der Türe. Könnte ja ein Phantom sein. Seit 50 Minuten spüre ich meine Füße nicht mehr und kann jetzt in der Wärme endlich nachschauen, ob sie schon schwarz geworden sind.

Meine Füße sind nicht schön, wie meine Frau immer wieder betont, aber der Bahn möchte ich sie nicht opfern müssen.

Deutschland ist eben ein Land der Ideen und der Tatkraft. Drei Tage nach dem Blizzard fahren sogar schon hin und wieder ein paar Züge und manchmal sogar Straßenbahnen.

Jetzt fragt meine Tochter auch noch, wann ich heute ankommen werde. Wie blöd ist das denn! In vier bis acht Stunden vielleicht, schreibe ich, oder auch morgen. Ich bin da ganz optimistisch.

Tristan war‘s! Was Corona entzweit heilt Tristan und Wladimir feixt?

Tristan ist ein ziemlich cooler Typ. Er hat die Corona-Ticker förmlich weggeblasen und dafür ein neues Gemeinschaftsgefühl etabliert. Statt der argwöhnischen Distanzblicke wird man plötzlich nach dem Schneeschieber gefragt. Menschen helfen sich vollkommen ohne Mundschutz beim Auto anschieben und die Lebensfreude ist zurückgekehrt. Kinder juchzen im Park. Auf dem Marktplatz meiner Großstadt wurde ein Snowboarder gesichtet und statt immer neuer Inzidenzwerte und den sorgenvollen Blicken einer Kanzlerin geht es nur um die Frage: Fährt was oder nicht?

Tristan hat die Herrschaft übernommen. Er hat den blassen Laschet und den korruptionsgeschädigten Scholz, den Coverboy Lindner und den eher unbeholfenen Habeck einfach abtreten lassen, mit ihrer Kanzler- und Kanzlerinnenfrage.

Und auch die Klimaerwärmung hat bei minus 20 Grad an Glaubwürdigkeit verloren, wobei ich da opponieren muss. Denn die minus 20 Grad sind nur Ausdruck des gestörten Polarwirbels, aber lassen wir das mal.

Tristan hat alles durcheinandergewirbelt und statt sich immer nur zu sorgen, fährt man jetzt einfach mal Ski. Bei Pulverschnee in der Tieflandbucht. Wow! Tristan, ich liebe dich!

Und es soll noch krasser werden! 21 Grad minus! Meine Holzvorräte schwinden dahin. Eigentlich müsste ich ja mit der Pulka in den Wald ziehen und Holz machen. Auch das Putin-Gas wird jetzt knapp. Der Typ feixt und dreht den Hahn zu. Denn so funktioniert Politik. Die Einen labern und zetern und der Andere feixt und dreht einfach zu. Und dann ist Schicht im Schacht.

Da lob ich mir doch meinen Holzofen. Der funktioniert ressourcennah, CO2-neutral und es ist kein Hahn für den Putin dran.

Und was ich mit diesen kruden Betrachtungen sagen will? Trau keinem Populisten, achte die Autarkie, habe immer Skier im Keller und baue niemals ein Haus ohne Schornstein!

PS.: Wer Tristan ist? Wetteronline fragen!

Großstadthelden – unsere wilden Seiten

Meine Stadt liegt in einer Tieflandsbucht. Das hat viele Vorteile. Als Fahrradfahrer muss man sich nicht mühen. Es gibt viel Wasser, nette Seen und kurze Winter. Skifahren ist also nicht so der Brüller. Eigentlich!

Heute Nacht hatte ich immer so ein Prickeln im Gesicht. Ich zog die Decke über mich und träumte von nordischen Gefilden. Von Grönlandeisdurchquerungen.

Wie geschrieben, meine Stadt kennt keinen Winter, aber als ich am Morgen vom Dachgeschoss hinabstieg, um für meine liebe Frau den Ofen zu heizen, entdeckte ich den Grund für das Prickeln und diese merkwürdigen Träume.

Schon um die Asche auf den Kompost zu bringen, war Männlichkeit gefragt. Mit einem vollen Aschekasten zieht der Ofen nicht, also grub ich mich im Schlüpfer und barfuß zum Komposter durch. Das war härter als gedacht. Es hatte 6 Grad minus und der Schnee lag kniehoch. Auf halben Wege spürte ich die Füße nicht mehr und bei der Nachbarin wackelte die Gardine. Sie ist von mir einiges gewohnt.

Es war noch dunkel, aber ich fand es trotzdem gut, nicht ganz nackt unterwegs zu sein. Sicherlich würde sie jetzt wieder ihren Mann rufen und zusammen könnten sie den Irren da draußen beim Schaufeln betrachten. Na ja. Ich mache mir nicht so viel daraus.

Eigentlich habe ich nette Nachbarn. Mein Nachbar gegenüber ist auch so ein hitziger Typ. Er hat selten mehr als ein T-Shirt und einen Schlüpfer an und M., auf der anderen Seite, ist Opernsänger und er muss sich gesund halten. Wie ich, badet er gern im Eis und man sieht ihn manchmal mit Hüfthandtuch aus dem Auto steigen und den langen Weg zu seinem Haus laufen.

Und ja, wir leben in einer großen Stadt, aber auch hier sind Reste unseres Urwaldmännertums erhalten geblieben. Im Grunde sind wir noch Lendenschurz-Tiger. Yeti-Wesen. Uns in Kleidung einzusperren, widerspricht der Natur. Nur am Wochenende können wir alle Zwänge ablegen, uns befreien und unsere wahre Männlichkeit ausleben.

Wir können nackt Schnee schaufeln, Höhlen bauen und unser Revier abstecken. Wir können die Frauen in ihren warmen Höhlen beschützen. Wir sehnen uns nach Schneekatastrophen, um unsere verkümmerte Männlichkeit wiederbeleben zu können.

Lasst es raus, denke ich nur und schaufele, was das Zeug hält. Meine Frau bäckt Kuchen und als ich auf die Gleichberechtigung zu sprechen komme und auf die Schneeschaufel zeige, winkt sie nur müde hinter dem Fenster ab. So ist das nun mal!

Düstere Prognosen? Oder der Trend zur Autarkie und ich bin so pooositiv…

Wenn es in Büchern um die Zukunft geht, herrscht Finsternis. Nachtschwärze. Szenarien des Untergangs. Klimakollaps, Kriege, Genmanipulation, Pandemien, KI-Vorherrschaft und was weiß ich. Niemals ging es uns trotz Corona, Putin und Ex-Trump so gut wie heute und dennoch herrscht ein allumfassender Pessimismus in der Literatur und im Leben selbst. Nörgeln, jammern und sich fürchten sind gefeierte Passionen.

Als es der Menschheit dagegen wirklich schlecht ging, herrschte Zukunftsglauben (neben Gott-Ergebenheit). Doch die lange Liste an Utopien riss irgendwann in den 70ern des letzten Jahrhundert ab und spätestens mit der Jahrtausendwende traten Dystopien ihren Siegeszug an.

Und ja: Das Eis schmilzt, die Welt heizt sich auf und Populisten gewinnen in der Wählergunst. Bildung trägt nicht immer Früchte, wie auch bei den Corona-Leugnern zu erkennen ist.

Aber gibt es wirklich hinreichend Gründe, für ausschließlich rabenschwarze Zukunfts-Szenarien? Gehört „Jammern“ wirklich zum Geschäft? Und ist das nicht eher so ein Gruselding? Denn wer in einem behaglichen Nest sitzt, der hat Angst vor Unbehaglichkeit. Vor Eindringlingen, vor Änderung. Dass wir aber auch anpassungsfähig sein können, hat Corona bewiesen. Corona hat uns Entdeckungen vor der Haustür beschert und real möglichen Verzicht präsentiert. Corona hat uns aus dem Hamsterrad des Fernreisens befreit und uns möglicherweise etwas dankbarer gemacht, für die kleinen, übersehenen Dinge. Den Mikrokosmos vor der Haustür.

In alternativen Kreisen sind jetzt Insellösungen angesagt. Autarkie. Notfallkoffer. Tiny Houses. Bushcraft. Ein Leben jenseits von Allem.

Auch ich hege Ausstiegswünsche. Immerzu und schon so lange, wie ich mich äußeren Zwängen ausgesetzt fühle. Das begann in der Schule und selbst aus dem Kindergarten bin ich zweimal ausgebrochen. Ich wollte zu den Indianern. Und wenn ich mit O. alljährlich zur Adventszeit vor dem Ofen sitze, geht es zwangsläufig auch um Ausstiegsoptionen. A. meint dann immer, wir seien jammernde destruktive alte Männer, die den Glauben an die Menschheit verloren hätten. Wahrscheinlich hat er recht.

Doch mit dem Ausstieg wird es schwer. Die verborgenen Plätze werden rarer. Corona hat den Deutschen ihre schöne Heimat neu vor Augen geführt. Jetzt sind sie überall. Am unberechenbarsten sind die Hundebesitzer. Sie strömen noch in der Dunkelheit aus dem Haus. Sie treffen sich in Gruppen und reden über die angeleinten Geschöpfe wie über ihre groß gewordenen Kinder, an deren Stelle die Hunde gerückt sind. Der Trend geht zum Dritthund.

Auf dem Land hat jedes Gebäude, das noch irgendwie steht und im Umfeld etwas Wald, ein Gewässer oder etwas Schönes vorzuweisen hat, den Besitzer gewechselt und im Sommer werden die mecklenburgischen Seen unter Hausbooten begraben sein. Flucht und Autarkie sind also eine Illusion sofern Autarkie auch mit Einsamkeit verbunden wird. Und ja, ich bin ein einsamer Wolf. Aber mein Egoismus ist nicht groß genug, um mir die Wiederbelebung von Flug- und Kreuzfahrtflotten zu wünschen. Mögen diese in den Häfen und am Boden bleiben. Amen!

Amen, denn so viel Vernunft wird es leider nicht geben. Ich bin also doch kein Utopist!

Positives Denken, hat möglicherweise mehr mit Esoterik als mit Vernunft zu tun. Aber man muss ja nicht immer nur das Haar in der Suppe zu finden wollen, sagt mein Therapeut und verschluckt sich…

Frisch ausgepackt: Billy Elliot meets Mal Peet? Martina Wildners neuer Kinderroman „Der Himmel über dem Platz“

Reizworte für Buchmenschen beginnen mit Pferd oder Fußball. Sie präsentieren in der Kinderliteratur die Geschlechter-Klischees schlechthin. À la Jungen spielen Fußball und Mädchen lieben Pferde und Reitlehrer. Zur Not gehen auch noch Einhörner oder sprechende Tiere.

Entsprechend stöhnt man innerlich auf, wenn ein „Produkt“ dieser Reizklasse auf dem Tisch landet und man es auch noch begutachten muss.

Such is Life! Man stößt einen metaphorischen Seufzer aus und versucht, die Sache schnell hinter sich zu bringen. So ging es mir wieder mal kurz vor Weihnachten. Meine Frau konnte schöne Bücher lesen und ich musste mich zwischen einem Fußballbuch oder einer kitschigen Coming-Out-Geschichte von einem Big-Brother-Finalisten entscheiden.

Dann schon lieber Fußball. Auf dem Cover tobten wenigsten keine wilden Fußballkerle. Auch der Name der Autorin beruhigte mich etwas. 

Martina Wildner steht für gediegene, um die Ecke gedachte Schreibkultur für Kinder im Übergangssegment. Im Verlagsgeschäft heißt das neuerdings PreTeen. (Ein Wort für meine „Unnötige -Anglizismen-Liste“?) Also vom braven Vorleseopfer hin zum unkalkulierbaren Wesen. Zum pubertierenden Schrecken aller auf Ordnung bedachten Mütter. (Schon wieder ein Klischee!)

Die Autorin enttäuschte mich nicht. Ein durch den Vater (Loser-Typ, getrennt von der Mutter, aber für Überraschungen gut) auf Fußball fixiertes und auch fußballbegabtes Mädchen wechselt in eine prominente Jungen-Mannschaft, um besser gefördert zu werden. 

Am Ballett ist sie, anders als ihre Schwester, grandios gescheitert, aber beim Fußball steht sie ihrem Mann (Noch ein Klischee). 

Das Probetraining verläuft anders als vom Leser befürchtet. Die Kerle stehen nicht verzückt mit offenen Mündern und bewundern ein bildhübsches und ebenbürtiges Talent. Nein sie mauern, maulen und sind angepisst über den Verrat an ihrer geliebten Sportart.

Und schön ist auch, dass die Heldin nicht ihren blonden Pferdeschwanz schwingend die Arena betritt, sondern sich folgender Maßen beschreibt:

„… denn ich war ein Mädchen und noch dazu hässlich: ein Mädchen mit dünnen, schnittlauchglattem Haar, Kartoffelnase, matschgrünen Augen, schmalem Mund und zu großem Kinn. Ich hatte eckige Schultern und praktisch keine Taille.“

Die Heldin beißt sich durch. Sie wird beschimpft, verletzt und sogar bedroht, aber ihr fußballverrückter Vater unterstützt sie, was die mittellose und vom Vater getrennte Mutter nicht begeistert.

Zum Vater: Er grillt gern. Hat selbst nie wirklich Fußball gespielt. Er verfolgt fanatisch die Karriere seiner Tochter und vernachlässigt Tochter Nummer 2, die sich mit Ballett herumschlägt.

Sein Fanatismus setzt die Protagonistin unter Druck und es fehlt ihr bei aller Fußballliebe der Raum für eigene Vorstellungen. Der vermeintliche Antagonist ist ein Junge (Ron), der nach außen hin alle Jungen-Klischees verkörpert. Also Raubeinigkeit und Ignoranz, aber damit nur seine eigentliche wunde (feminine) Seite kaschiert.

Das klingt nicht nach einer literarischen Großtat, aber die Mischung macht es. Martina Wildner spielt galant und niemals vorhersehbar mit Rollenklischees und dem Thema Selbstbestimmung.

Und sie drückt dem Plot ihr Markenzeichen auf. Eine Prise Phantastik, wie in ihrem Dreiteiler „Schaurige Geschichten“, wo sich raubeinige Helden, Neuankömmlinge, Familienalltag und mysteriöser Aberglaube die Hand geben.

Hier präsentiert in Gestalt eines schrulligen Nachbarn, der mit hintergründigen Ratschlägen der Heldin auf die Sprünge hilft. Dass er am am Ende zum Fußballgott stilisiert wird, passt nicht wirklich ins Buchkonzept und erinnert an Mal Peets Jugendromane „Keeper“ und „Penalty“. Und auch Billy Elliot schaut um die Ecke, wenn über Ron offenbart wird, dass er drei Jahre heimlich Ballett-Unterricht genommen hat. Klischees toben auch, wenn sich Rechtsanwaltsväter als ausländerfeindliche AfDler offenbaren und sich mit Proletariervätern eine handfeste Schlägerei liefern.

Diese Versatzstücke werden allerdings nur Kritiker stören.

Unter dem Strich bleibt eine Geschichte, mit der die scheinbar festgeschrieben Geschlechterklischees frisch hinterfragt werden und die mit unerwarteten Wendungen und Perspektivwechseln punktet.  

Spannend und alltagsnah und in einer Erzählkultur und -qualität, bei der mir Autoren-Namen wie Will Gmehling oder Andreas Steinhöfel einfallen. Geschichten, in denen nicht abgehobene Landhausidyllen, sondern soziale Realität mit geplagten Eltern, maulenden Zöglingen und einer würzigen Prise Humor (nicht Klamauk) präsentiert wird.

Eislochtaktik

Niemand hat so richtig auf dem Schirm, wie das „Ableben“ mal aussehen wird. Das kann zeitlich in der Nähe oder in großer Ferne lauern, man weiß es einfach nicht. Freilich hat man Wünsche. Nichts Zehrendes, irgendetwas Plötzliches und nicht allzu Unwürdiges.

Bei meinen morgendlichen Ritualen denke ich manchmal darüber nach. Zum Beispiel wenn ich eisbade.

Als ich mal vor 10 Jahren mit dem Fahrrad bei 20 Grad minus auf Arbeit fuhr, gehüllt in mein hochalpines Outdoor-Equipement und trotzdem frierend, erfuhr ich aus den Nachrichten, dass eine Frau in Stendal aus ihrem Eisloch nicht wieder aufgetaucht sei.

Zu dieser Zeit war ich noch kein passionierter Eisbader und deshalb konnte ich die Motivation dieser 70jährigen Frau nicht begreifen. „Wie blöd ist das denn!“, dachte ich damals und stellte mir den verzweifelt am Eisloch wartenden Ehegatten vor, dem nur die Latschen und der rosa Bademantel geblieben waren.

5 Jahre später zeigte ich schon mehr Mitgefühl. Ich stand frierend und unentschlossen am Seeufer herum. Es hatte 2 Grad minus und es wehte ein eisiger Ostwind. Es war noch dämmrig und ich wollte die Prozedur der Selbstkasteiung gerade feige abbrechen, als ein winziges Auto den Hang hinabhoppelte. Es entstiegen eine dürre Oma im Badeanzug und ein dick eingemummelter Mann. Der Mann band der Oma noch Schwimmflügel auf den Rücken und dann marschierte sie neben mir in den See. Es hatte noch kein Eis und deshalb schwamm sie gleich los. Ich ließ mich nicht lumpen und folgte ihr mutig. Ich schaffte meine 50 Meter und als ich mich am Ufer stolz abfrottierte, war von der Oma nichts mehr zu sehen. Sie war an mir vorbeigeschwommen und in der Dunkelheit verschwunden.

Den Mann schien das nicht sonderlich zu beunruhigen. Er saß bei laufendem Motor in seinem geheizten Wägelchen und las genüsslich die Bildzeitung.

Ich machte mir Sorgen. Ich versuchte mit meinem Laserblick die Dunkelheit zu durchdringen. Erfolglos. Ich klopfte an die Autoscheibe. „Was denn!?“, fragte der dick eingemummelte Mann, der gerade ein Wurstbrot kaute. „Die Oma“, stotterte ich. „Die Oma ist weg!“.

„Quatsch! Die braucht noch 10 Minuten!“

Und wirklich! 10 Minuten später kam die Oma zurückgepaddelt. Er assistierte ihr wieder liebevoll und dann verschwanden sie in der dunklen Nacht.

Lange fragte ich mich, ob die Oma eine „Erscheinung“ gewesen sei. Eine Eisfee oder ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Sie gehörte aber in ein Nachbardorf, wie ich später erfuhr. Sie war 82 Jahre alt und sollte erst im nächsten Sommer sterben. Ebenfalls beim Baden. Diesmal wartete der Gatte vergeblich.

Heute morgen las ich dann das hier:

Mecklenburg-Vorpommern Mann stirbt beim Eisbaden in der Ostsee: Nachdem er in das drei Grad kalte Wasser gestiegen war, brach er zusammen: Ein 70-Jähriger ist beim Ostsee-Eisbaden in Warnemünde ums Leben gekommen. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. 31.01.2021, 22.35 Uhr. Ein 70 Jahre alter Mann ist beim Eisbaden in der drei Grad Celsius kalten Ostsee ums Leben gekommen. Der Mann ging am Sonntag mit Gleichgesinnten eines örtlichen Eisbade-Vereins in Warnemünde ins Wasser und brach dort kurz danach zusammen, wie die Polizei mitteilte.

Am letzten Sonnabend war ich auch wieder baden. An einem zugefrorenen Kanal. Um das Eis aufzubrechen, sprang ich auf einem Schwimmponton auf und ab. Dann drückte ich die Schollen unter das Eis und ließ mich vom Steg in das Loch hinab. Ich tauchte und schaute durch die Eisdecke den hellen Mond an. Unter dem Eis zu tauchen musste toll sein, aber ich ließ es lieber sein. Ich schlüpfte aus meinem Eisloch in den Stütz und stellte mir vor, wie blöd eine eingefrorener, nackter Eisbader aussehen musste. Wenn es taute und die Krähen schon pickten.

Ob Eisbaden wirklich so gesund ist, wie manche sagen? Ich weiß es nicht.

Die spinnen, die Finnen! Teil zwo

Und dann ging es los! Mein Vater und mein Schwiegervater hatten noch leidvolle Deutsche Geschichte erfahren müssen. Der Schwiegervater auf dem Handwagen aus Königsberg und mein Vater auf dem Handwagen aus Reichenberg hinaus. Beide zu jung, um das Desaster, noch dessen Ausmaß begreifen zu können. Wir aber flohen sehenden Auges vor Corona und unter den Blicken der ängstlichen Dorfbewohner. Unsere Dorfbewohner haben immer vor irgendetwas Angst. Vor den Migranten, vor den Grünen, vor den Berlinern, vor Corona und jetzt vor uns. Alles, was von Außen kommt, ist bedrohlich. Punkt.

Unser Zwei-Personen-Flüchtlings-Trek passierte die ewig lange Dorfstraße und wir sahen, wie die Gardinen wackelten.

Corona-Flüchtlinge: Dritte Welle

Noch vor der ehemaligen Stasi-Feriensiedlung am Ende des Dorfes machten wir bei Ri. halt, um uns digital verewigen zu lassen. Vielleicht würden wir ja die Wälder nie wieder verlassen? Meine Tochter hatte neuerdings merkwürdige Anwandlungen. Sie wollte sich nur noch in Wolle hüllen. Sie wollte perspektivisch auf alle Produkte der Neuzeit verzichten. Sie wollte Wildpflanzen verspeisen und wenn ich Fleisch sage, zuckt sie zusammen.

Ich war in meiner Jugend ein harter Bursche gewesen, der nur das mitnahm, was er hatte. Aber das war der Not geschuldet. In Wirklichkeit sehnte ich mich nach den Outdoor-Offenbarungen des Westens. Nach Kletterseilen, die länger als 30 Meter waren. Nach doppelwandigen Zelten aus feinem Gewebe. Nach Jacken, die sich nicht mit Nässe vollsogen. Und nach den Gerüchen des Westens, die ich nur aus dem Intershop kannte. (Wie ich heute weiß: Ein Gemisch aus billiger Seife (Marke Lux) und Parfüm, das nur von Discountern vertrieben wird.)

Nun ging es also „Back to the Roots“ und weil ich meine Tochter liebe, bin ich zu jeder Schandtat bereit. Auch zur Erprobung finnischer Outdoorprodukte.

Um mit all dem Krempel in den Wald zu gelangen, hatte ich mich für mein E-Bike als Zugpferd entschieden und nun wurde ich am Dorfende mit Schimpf-und-Schande überhäuft. Das hätte man nicht von mir gedacht. Wie könne ich nur. Das sei doch eines wahren Mannes nicht würdig … na ja!

Der Rucksack meiner Tocher hatte die Ausmaße eines mittleren Kindersarges und sie war nur allzu gern bereit gewesen, dieses Monstrum oben auf den Stahlofen, den Ausrüstungssack und das rustikale Zeltbündel zu schnallen. Damit hatte der zarte Hänger von Burley eine beachtliche Höhe erreicht und ich fürchtete mich schon vor der Abfahrt zum See hinab, wenn der Hänger schieben würde und die glitschigen Zweige unter dem nassen Schnee Unheil anrichten könnten. Einen alten zerschmetterten Möchtegernfinnen zum Beispiel, begraben unter den Resten seines verbogenen E-Bikes. Frohlockende Wildschweine, die sich an den Resten laben…

Ich überlebte und wir bezogen unser Lager. Meine Tochter akzeptierte den ausgewählten Platz, was mich erstaunte, und dann legten wir los. Dass heißt, ich legte los. Ich verfitzte mich in dem unförmigen Pavillon, an dessen Einfachheit ich verzweifelte. Man musste Zeltstangen einführen, die sich dann nicht wirklich platzieren ließen. Ich spannte und spannte ohne wirklich Spannung in das Gebilde zu bekommen. Ich musste die gewaltigen Stahlheringe immer wieder neu platzieren und die Abspannleinen waren ein Witz. Irgendwann stand das Ding. Es sah nicht schön aus, aber es stand. Ein Windhauch könnte es zusammenstürzen lassen, aber der Wind hatte Mitleid mit mir.

Nun also kam der Ofen an die Reihe. Ich musste dünne Beinchen mit noch dünneren Stahlfedern fixieren, die bald schon im nassen Untergrund versinken würden. Die Rauchrohre stammten, wie schon beschrieben, technologisch aus dem frühen 19. Jahrhundert. Als alles stand war ich sehr, sehr skeptisch. Auch hatte ich den Kohlenmonoxidwächter vergessen.

Zu diesem Ofen gab es auf der Produktseite viele Bewertungen. Die Finnen waren durchweg begeistert, aber ein Engländer hatte den Ofen als rostendes, vollkommen falsch konstruiertes und grundlegend mangelhaftes Produkt beschrieben. Wahrscheinlich hat er recht. Das Ding wirkte russisch. Grob und schlecht zusammengeschweißt, aber es brannte gut. Besser als der elegante norwegische Ofen von gstove. Und der Ofen war hungrig. Bald schon waren die Holzvorräte im Umfeld aufgebraucht. Ich sägte und hackte wie ein Berserker, wohl wissend, dass der Abend lang werden würde.

Ich schleppte auch Steine heran, die als Wärmespeicher dienen sollten, und als ich mitten an der Arbeit war, bekamen wir Besuch. Mein Freund Ri wollte sich mit seiner lieben Frau über unseren Fleiß und den Grad der Leidensfähigkeit erkundigen. B, der Frau von Ri, sah man das Entsetzen an. Sie liebt Sauberkeit und mollige Wärme und hier herrschten schlammiger Boden und durchdringende Nässe. Ich kann ihre Skepsis gut verstehen.

Ri hockte sich noch eine Weile solidarisch neben uns und ignorierte alle Einladungen, mit uns zu nächtigen.

Vor der Nacht und dem Abendbrot jedoch wollten wir schwitzen. 75 Grad waren vom Hersteller erlaubt. Ich brachte den Ofen zum Glühen. Jetzt wurde auch klar, warum die Finnen in den YouTube-Filmchen wie die Hühner auf Gestellen gehockt hatten. Oben erreichten wir in der Tat 65 Grad, aber unten zog es wie Hechtsuppe. Ich versuchte, auf einem Holzklotz zu balancieren und die Beine anzuziehen, aber das machte keinen Spaß.

Als eine gewisse Erhitzung erreicht war, wateten wir, die Eisschollen wegschiebend, in den See hinein. Das war schon nett. Ich gönnte mir drei Durchgänge und danach gab es ein letztes Abendmahl. Das Essen und die wohlige Wärme machten müde. Da das Zelt keinen Boden hatte, entfaltete ich mein neu erworbenes Feldbett, das gerade so ins Zelt passte. Meine Tochter zog unter ihr Tarp und ich lümmelte selig an den erhitzten Feldsteinen.

Diese Steine am Ofen sind der eigentliche Clou. Sie speichern stundenlang Wärme und so dämmerte ich friedlich dahin. Kein Schwein, keine Kälte und kein Förster sollten mich wecken. Ich erlebte schadlos den nächsten Morgen und fühlte mich wie ein finnischer Outdoor-Pionier!

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