Leider misslungen? – Der neue Kevin Brooks – Deathland Dogs

Kevin Brooks ist ein routinierter Autor und ein Meister der Verknüpfung von lesbarer Trivialkunst und literarischem Anspruch. Es gibt Romane, die ich mehr oder weniger schätze und auch sehr provokante Stücke, mit deren Bewerbung ich bei Pädagogen schon gnadenlos gescheitert bin.

Leider schwächelt Brooks seit einiger Zeit. Sicher noch immer auf beachtlich hohem Niveau, aber es gehen ihm lesbar die Ideen aus. Sein neuster Roman für Jugendliche könnte als Tiefpunkt gesehen werden. 538 Seiten, auf denen zwar viel „action“ bemüht wird, aber im Grunde nur wenig passiert. Zudem wird die Logik permanent mit Füßen getreten.

Der Roman geht wie bei Brooks gewohnt durchaus rasant und gut los. Irgendwann später (200 bis 300 Jahre), die Menschheit ist durch Kriege und Umweltkatastrophen dezimiert und die Erde ziemlich unbewohnbar. Zwei feindliche Armeen belauern sich seit Jahren. Die Einen haben sich in den Resten einer uralten Küstenstadt mit einer starken Befestigung verschanzt und werden von den Anderen, einer zahlenmäßigen Übermacht, die vor den Toren der Stadt ihr Feldlager aufgeschlagen hat, belagert. Beide Armeen bedienen sich an dem Waffenarsenal einer untergegangenen Hochzivilisation, ohne dabei Boden gut machen zu können. Die Festungsstadt ist strategisch uneinnehmbar, verfügt aber nur über begrenzte Wasservorräte. Die Belagerer sind dagegen gut verpflegt und ihr Sieg scheint nur eine Frage der Zeit.

Jeet, der Chronist dieser Geschichte und einer der Letzten, die noch die Kunst des Schreibens und Lesens beherrschen, wurde als Kleinkind von den Deathland Dogs, wild lebende, wolfsartige Hunde, entführt und aufgezogen. Als sein Rudel in einen Hinterhalt gerät, wird er gerettet und rehumanisiert. Im Herzen bleibt er jedoch den Hunden verbunden und den Menschen fremd. Jeet verfügt über geschärfte Sinne und eine besondere Kampfesgabe. Wegen dieser Eigenschaften wird er auch für eine Geheimmission auf feindlichem Terrain ausgewählt. Eine Mission, die den Sieg einleiten könnte, und die ihm dank seines herbeigerufenen Hunderudels gelingt.

Eigenmächtig befreit er bei dieser Aktion ein Hundemädchen, das in dem Feldlager als Sexsklavin gefangen gehalten wird. Dabei kommt er dem Verräter Pilgrim auf die Spur. Pilgrim entspricht dem bei Brooks immer wieder zu findenden Typus des Oberbösewichts mit psychopathischer Ausprägung. Er ist in der Stadt stellvertretender Kommandeur, hochintelligent, übermächtig und er will sich als Diktator der letzten Menschen profilieren, wofür er ein Massaker gewissenlos in Kauf nimmt. Allein der Chronist misstraut ihm. Er will ihn als Verräter enttarnen und wird damit selbst zum Gejagten. Pilgrim und Jeet liefern sich am Ende ein dramatisches Duell.

Was kann man dem Roman vorwerfen? Erstens eine verquere Logik. Trotz des oft erwähnten Wasser- und Nahrungsmangels scheint der Autor das immer wieder zu vergessen. Die Bewohner können Gärten bewässern, Obst ernten, sich offenbar auch waschen, Tiere tränken … Die Stadt ist zwar partiell zerstört, aber nach 200 unbewohnten Jahren in einem erstaunlich/unlogisch guten Zustand.

Zweitens: Pilgrims Rolle als Verräter ist so offenbar, aber nur der Held und seine Hundemädchendame sind mit Argwohn beschlagen und die Gemeinschaft läuft sehenden Auges ins Unglück und ihren Untergang. Da wird fast nichts differenziert und die Vasallen des Bösewichts sind ausschließlich muskulöse Grobiane, also grob geschnitzte Typen ohne jegliche Differenzierung.

Drittens: Brooks badet sich geradezu in einem nie versiegenden Arsenal an unterschiedlichsten Waffen und vor allem an sich ermüdend hinziehenden Kampfhandlungen und Verfolgungsjagden. Auch hier kommt die Logik oft zu kurz. Das Finale verpufft irgendwie mit pathetisch aufgebauschten Sätzen.

Was den Autor mit den Hunden geritten hat, ich weiß es wirklich nicht. Die Deathland-Dogs und die Hundenatur des Protagonisten ziehen sich konsequent durch die Handlung, aber diese animalische Komponente passt genau so wenig, wie die merkwürdigen Seemonster und glitschigen Riesenaale, die sich immer mal ein Menschenkind am Strand der Stadt holen.

Summa summarum: Viel Aktion, viele Klischees, mangelnde Logik und eine merkwürdige Verknüpfung von Mensch und Hund. Eine Mischung aller möglichen Trivialelemente und Genres, aber eine Mischung, die einfach kein fertiges Gericht ergeben will und einen ratlosen bis verärgerten Leser zurücklässt. Brooks versucht sich hier erstmals an einer Dystopie und er scheitert damit grandios. Es ist, als habe er eine Mischung aus Western und römischem Historienspektakel mit etwas Monsterdressing, Trojanischem Pferd und Kipling-Würze in einen Mixer geschüttet und diesen faden Brei dann als Dystopie zu verpacken gesucht.

Man liest, ich bin maßlos enttäuscht. Vielleicht auch, weil ich nach den letzten schwachen Büchern von Brooks endlich wieder auf ein starkes gehofft hatte.  

Eine geschätzte und leider verstorbene Lektorin schrieb einmal, dass jeder gute Autor oder Künstler „seine Zeit“ habe. Ich hoffe inständig, dass „die Zeit“ des nunmehr 60jährigen Kevin Brooks noch nicht vorbei ist. Wünschen würde ich mir einen weiteren „Lucas“, den ich nach wie vor für seinen besten Roman halte. Auch das so kontrovers diskutierte „Bunker Diary“ fand ich sehr interessant.

 

Frisch ausgepackt: Will Gmehling – Ein großer Anwalt der kleinen Leute

Will Gmehling ist ein großer Autor für die kleinen Leute und das im doppelten Sinne. Bei Gmehling können die kleinen Protagonisten nicht mit großartigen Anwesen auftrumpfen oder in die Ferne reisen. Die Geldbeutel sind knapp gefüllt und die Eltern keine Firmenlenker sondern Taxifahrer, Reinigungskräfte oder Küchenpersonal.

Protagonisten an der Armutsgrenze gibt es im Jugendroman freilich genug, aber meist sind diese dann auch Mobbingopfer, kleinkriminell, in Bandenkriege verstrickt und/oder sie leben an sozialen Brennpunkten. Schwarz oder weiß, anders geht es selten. Arm = zerrüttete Familienverhältnisse = Mobbingopfer oder kriminell. So die Formel der Vorurteile.

Nicht so bei Gmehling. Er macht aus Armut kein großes Gewese und Armut schließt Familienharmonie nicht aus. Im Gegenteil! In den Familien herrscht Knappheit in jeder Hinsicht, auch Chaos und Streit, aber zugleich eine ordentliche Portion Liebe und Zuneigung. Auch um Menschen mit gebrochenen Biographien, also sozial Gestrandete, wird bei Gmehling kein großes Tamtam gemacht, sie gehören einfach zur Handlung dazu, wie das berühmte Salz in der Suppe.

 Ein Intro liest sich bei Gmehling zum Beispiel so:

Wir sind die Bukowskis aus dem Wohnblock hinter den Gleisen. Ich bin zehn Jahre alt, Katinka ist acht, Robbie sieben. Mama arbeitet in der und Bahnhofsbäckerei. Papa fährt Taxi. Wir wohnen in der Georg-Elsner-Straße. Wir haben drei Zimmer. Das Wohnzimmer, das Schlafzimmer von Mama und Papa und unser Zimmer. Dazu eine Küche und ein Bad. Keinen Balkon.

Gmehling, Will: Freibad, Peter Hammer Verlag, 2019, S. 8

Oder:

Bei uns war es immer so:

Wenn man aus dem vollgeschmierten Treppenhaus in die Wohnung kam und durch den Flur ging, stolperte man garantiert über Spielzeugautos oder eine von Mimmis Puppen. Jacken, Schals und Schulranzen lagen auf dem Boden, wir ließen sie einfach fallen, wenn wir am Nachmittag nach Hause kamen.

In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr, und der Herd sah eklig aus, weil Mama andauernd die Milch überlaufen ließ.

Im Wohnzimmer war es nicht besser – und von den beiden Kinderzimmern schweige ich lieber. Unsere Wohnung war so unaufgeräumt, dass es wehtat. Zumindest den paar Leuten, die sich zu uns trauten, tat es weh. Uns nicht. Wir kannten es ja nicht anders.

Wir waren zu sechst, Mama, Papa, meine drei Geschwister und ich. Wir, die Familie Zack aus dem achten Stock. Uns kannte jeder.

Gmehling, Will: Chlodwig, Peter Hammer Verlag,2018, S.5

Das letzte Zitat stammt aus „Chlodwig“, einer wunderbaren „Kollisiongeschichte“ eines wohlstandsverwahrlosten Einzelkindes mit einer „randständigen“, aber anständigen Familie, deren Sprösslinge Pädagogen den Schweiß auf die Stirn treiben würden. Chlodwig ist wohlerzogen, adrett gekleidet und ausgewogen ernährt. Materiell fehlt es ihm an nichts, nur die familiäre Liebe ist in seinem „Marmorhaushalt“ auf der Strecke geblieben. Freilich schwingen hier viele Klischees mit, aber man hat bei der Lektüre des schmalen Bandes und den wunderbar passenden Illustrationen von Jens Rassmus großen Spaß.

Gmehlings jüngster Kinderroman erzählt über einen Sommer im Freibad. Für die Rettung eines Kleinkindes haben die drei Protonisten Alfred, Katinka und Robbie eine Saisonkarte als Prämie erhalten. Da in der Familie für einen Sommerurlaub das Geld fehlt, wollen sie ihre Badezeit gnadenlos ausnutzen. Dafür haben sie fünf Ziele definiert: Katinka will 20 Bahnen am Stück kraulen und Französisch lernen, um als Model später in Paris zu leben, der leicht behinderte Robbie soll richtig schwimmen lernen, der Ich-Erzähler Alfred alias Alf will vom 10 Meter-Turm springen und sie wollen eine Nacht heimlich im Bad verbringen. Nicht sonderlich viele Zutaten für ein spannendes Kinderbuch, aber Gmehling gelingt hier ohne spektakuläre Wendungen und Sprünge eine bezaubernde Geschichte, weil er einfach richtig gut erzählen kann.

Die drei Helden wachsen dem Leser mit jedem Freibadtag mehr ans Herz. Wenn sie zum Beispiel bei schlechtem Wetter bibbern, die Verwendung ihres 5 €- Tagesverpflegungssatzes hin- und her diskutieren oder sich gegen einen ziemlich fiesen Bademeister behaupten müssen. Gmehling nimmt sich jeder Figur innig an, aber auch die „Nebendarsteller“ sind nicht ohne. Die toughen Omas im rosa Badeanzug, der syrische Hilfsbademeister, der Kioskbetreiber oder die schöne, etwas unnahbare Tochter des fiesen Bademeisters (das Walross), die dem 10jährigen Ich-Erzähler die Sinne komplett vernebelt.

Johannas Reize und deren Wirkung auf den Erzähler bzw. die Entdeckung verwirrender Gefühle, die Alfred noch nicht zuordnen kann, ergeben einen roten Faden in diesem Freibadsommer, wobei das erste Date nicht glücklich verläuft.

Ich ging über die Wiese. Ich war nervös.

„Hallo!“, sagte ich. Zu Johanna. Zum Walross sagte ich:

„Guten Tag!“

Es guckte mich an. „Was willst du von Johanna?“

„Sie einladen.“

„Warum das denn?“

„Weil…“

„Na, wird’s bald?“

„Weil ich sie nett finde“, sagte ich. Stimmte ja auch. Dass ich sie schön fand und so, sagte ich besser nicht. Ging ihn ja nix an.

S. 85

Eine solche Prüfung vor dem ersten Date überleben nur wenige Knaben. Alfred überlebt es, aber das gemeinsame Cola-schlürfen danach hat wenig Nähe und Inhalt zu bieten. Weder Glockenklänge, noch Schmetterlinge. Eine echte Liebesgeschichte hätte aber auch den Altersrahmen dieses Bandes gesprengt. Allerdings wird Johanna ihrer Rolle als anspornende Muse gerecht. Alfred schafft seinen Sprung vom 10er und das nicht nur einmal.

Auch Multikultur wird unaufdringlich und ziemlich ehrlich in diesen Sommer eingebracht. Da ist der schon erwähnte syrische Hilfsbademeister, oder eine Gruppe von Flüchtlingen, die sich etwas „produzieren“ und ein deutliches Interesse an schönen Mädchen zeigen. Die in der Klatschpresse oft erwähnten Eskalationen in einigen deutschen Schwimmbädern spielen hier nur in den Vorurteilen randständiger Bürger eine Rolle. Die Jungs aus Mali gehören für den Helden einfach dazu und Katinka kann mit ihnen sogar ihr Französisch üben, allerdings passt sie nicht ins „Beuteschema“ und wird entsprechend ignoriert.

Um die gegebenen Vorteile, wie folgendes Zitat belegt, macht jedoch Gmehling keinen Bogen. Auf eine großangelegte „Aufklärungskampagne“ jedoch verzichtet er. Die Relativierung der Pauschalisierung wird „leise“ und mit literarischen Mitteln vollzogen und damit auch dem Leser zugetraut.

Es war das erste Mal, dass ich Torben im Freibad traf.

„Hallo, was geht?“, begrüßte ich ihn. Wir klatschten uns ab. „Überhaupt nix geht“, sagte er und guckte böse. Dann zeigte er nach oben, auf den Zehnerturm. „Siehst du die drei Bimbos da?“

Ich wusste nicht was er meinte.

„Na die drei Neger“, sagte er.

Er meinte die Jungs aus Mali. Sie standen auf dem Turm und unterhielten sich mit einem Mädchen.

„Das ist meine große Schwester“, sagte Torben. „Mein Vater will nicht, dass die sich mit Bimbos unterhält.“

(…) Ein paar Meter weiter saß seine Schwester mit den Jungs aus Mali am Rand vom Babybecken. Sie lachten und bespritzten sich mit Wasser.

„Papa hat ihr das verboten“, sagte Torben schon wieder. „Wieso denn?“, wollte ich wissen. aber er antwortete nicht.

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Da neben dem Schwimmbad ein Bundesligist sein Stadion hat, ist auch ein Fußballstar als Handlungsgast geladen. Alfonso Blasio ist ein aufgeblasener Schnösel mit Porsche und blondiertem Groupie, der kaum Deutsch kann und der sich weigern will, Katinkas Fuß zu signieren. Als Katinka jedoch lauthals hinausposaunt, dass er nicht schwimmen könne, wird sie ruhig gestellt. Auch Alfonso zieht sich als roter Faden durchs Buch und er darf am Ende sogar die Kinder vor dem schnaufenden Walross retten.

Gmehling schafft mit „Freibad“ einen Kosmos zitierenswerter Sätze und Figuren, wie sie das Leben schreibt. Kinderbücher für 10jährige sind selten so schön geerdet und als ebenbürtiger Autor fällt mir ad hoc nur Andreas Steinhöfel ein.

Den Kosmos eines Freibadsommers für Jugendliche hat Florian Wacker mit „Dahlenberger“ geliefert. Ein ebenso wunderbares Buch, das 2015 bei Jacob&Stuart erschienen ist, und an dessen Lektüre mich Gmehling immer wieder erinnert hat.

An der Schmerzgrenze: Überlebenskampf im Skigebiet

Ich liebe den Anblick und die Einsamkeit von unberührten Schneeflächen. Steile in der Sonne leuchtende Bergflanken, in die man eine erste Spur legen kann. Solche Anblicke sind bei schönem Wetter heutzutage kaum noch vorstellbar. In den 90er, als es nur wenige Skitourenstiefel-Modelle und nur eine Skitourenbindung gab, war ein einsamer Winter in den Bergen an der Tagesordnung. Heute muss man nach Norwegen ausweichen, um Derartiges noch erleben zu können oder verdammt viel Glück haben.

Um meinen 9jährigen Enkel mit dem Virus „Skitour“ zu infizieren, musste Fahrtechnik geübt und damit das absurde Treiben in einem Skigebiet ertragen werden. Das hieß Schmerz an der Obergrenze und Stress pur. Auch sind die Möglichkeiten erstochen, erdrückt oder überrollt zu werden ziemlich groß. Einen Sonntag im Skigebiet von Garmisch unverletzt zu überstehen, entspricht in etwa dem Gefahrenpotential einer Blindüberquerung der A9 mitten im Berufsverkehr. Jetzt übertreibe ich natürlich!

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Die Zugspitzbahn ab Hammersbach. In etwa 50 Minuten ist man auf 2600hm. Hier ein historisches Modell.
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Oder man fährt ab der Station Eibsee mit der nigelnagelneuen Seilbahn zum Gipfel hinauf. Hier müssen gerade 2 Auszubildende den Schnee des Vortages vom Dach schippen.

Und so läuft ein Tag im Skigebiet: Man startet verdammt früh. Schließlich hat man für den Skipass eine Menge Geld bezahlt, das man optimal in Bewegung umsetzten möchte. Also 6.30 Uhr raus aus den Federn. 7.00 Uhr hinein in einen wuseligen Frühstücksraum. 7.53 Uhr in die Zugspitzbahn und 8.30 Uhr raus in den Wind, Nebel und auf die noch unberührten, aber frisch präparierten Hänge, die schon eine Stunde später völlig zerfahren sind. Lauern auf die Öffnung der Wetterwandeckbahn, hinab ins Brunntal, hinauf mit dem Schlepplift, rein in die 6er-Gondel und wieder hinab bis die Beine zittern. Hinauf, hinab und immer wieder und dann ganz clever 13.30 Uhr in die noch relativ leere Zugspitzbahn hinunter zur Alpspitzbahn, mit der im dichtesten Gondelgedränge im zweiten oder dritten Schwung hinauf und dann hinab zum Bernadeienlift und wieder hinauf und wieder hinab, bis irgendwann 16.15 Uhr das Ding Feierabend macht. Hinunter zur Hochalm, den Ziehweg zur Kreuzeckbahn und bis zur Kandahar und ganz hinab, wo es mit der Zugspitzbahn zurück zum Hotel geht. Was für eine Erholung! Das Ganze zwei Tage lang, bis der Enkel alle Rafinessen gelernt und alle Muskeln gespürt hat. Das Leid eines Kindes ist jedoch nicht zu unterschätzen, denn Rücksicht gegenüber den Schwachen herrscht nicht. Stattdessen ein steter Krieg um die optimale Ausbeutung des Liftbeitrages. Schließlich hat man nichts zu verschenken.

Auch hat man ästhetisch einiges zu verkraften. Die Menschen aus aller Herren Länder zeigen sich besonders gern in schreiend bunter Kleidung. Mit fetten Helmen und utopisch anmutenden Visieren. Mit Schuhen, die einen normalen Gang unmöglich machen. Auch die schönsten Damen bewegen sich wie Roboter. Als ob sie sich eingemacht hätten oder an einer unschönen Behinderung litten.

Jeder halbwegs intelligente und kulturvolle Mensch würde sich niemals so in der Öffentlichkeit zeigen. Im Skigebiet jedoch kann man gar nicht blöd genug ausschauen. Hier fallen alle Hemmungen und Schmerzgrenzen des guten Geschmacks. Dezent ist out.

Und dann gibt es noch zwei Klassen. Die coolen Snowboarder, die alles tun, um cool auszusehen, auch wenn sie schon alt wie der Wald sind. Snowboarder und Skifahrer mögen sich nicht wirklich.

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Bergstation der Alpspitzbahn. Von hier geht es hinab zur Talstation des Bernadeinliftes. Man beachte die Ausrüstung! Silvretta-Bindung 404 von 1994.

 

Wir haben 2 Tage gelitten, uns gestresst und aus dem Twinticket für 119€ im Familienpack alles rausgeholt, was man rausholen konnte. Das arme Kind hat lernen müssen (und das entsprechend auch Kund getan), dass es im Skigebiet hemmungslos geschuppst, verdrängt und gestochen wird und zwar von und durch erwachsene Bildungsbürger, die sich hier in Skibestien verwandeln. Vielleicht schwärmte er deshalb immer wieder von Hulk, Superman oder Captain America und deren Superkräften. Wehrhafte Phantasien aus dem Munde eines Schwachen.

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Am Anfellplatz Richtung Alpspitze

Am dritten Tag schließlich wurde alles gut! Nach einem frühen Frühstück ging es hinauf mit der Alpspitzbahn und hinunter zur Talstation des Bernadeinliftes, wo man kurz vorher rechts weg in den Skitourenhimmel abbiegen kann. Natürlich nicht allein. An diesem ersten schönen Tag war es schwer, einen Anfellplatz zu finden. Immer wieder glitten Gruppen von Skitourengehern vorbei, die wie wir die erste Bahn genommen hatten, um den schönen Sonntag ausgiebig nutzen zu können. Viele Menschen, aber eine vollkommen andere Stimmung. Keine kostümierten Pisten-Rambos, sondern freundlich grüßende „Kollegen“, die dem jungen Mann, der sich in die mühsame Disziplin mit einer archaischen Ausrüstung hineinwagte, viel Anerkennung zollten. Die Aufstiegsspur war im wahrsten Sinne ausgeleiert und vollkommen vereist. Bevor es jedoch zur Stuibenhütte hinaufging, bogen wir rechts in das breite und wirklich schöne Tal ein, das sich bis zur Grießkarscharte hinaufzieht. Hier herrschten beste Bedingungen und man sah den Gipfelhang der Alpspitze zum Greifen nah. Das täuscht freilich.

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Die Alpspitzabfahrt von der Bernadeinwand aus gesehen.

Die Alpspitze zählt bei manchen und vor allem bei den Garmischern als schönster Skitourengipfel der Alpen. Das ist natürlich maßlos übertrieben, aber schön ist die Tour wirklich. Von Garmisch aus gesehen oder von der Zugspitze scheint eine Skibesteigung dieser ziemlich wilden aber ausgesprochen schönen Spitze unmöglich. Auch die „normale“, im Führer beschriebene Aufstiegsroute über die Schöngänge wirkt mehr als abenteuerlich.

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Von hier aus kommen die Skier Huckepack

Bei guten Bedingungen geht der kürzeste Aufstieg mit den Skiern auf dem Rücken direkt über den Klettersteig. Das schafft man von der Bergbahn in reichlich einer Stunde. Der Aufstieg vom Bernadeinlift aus ist sicher der längste. aber sicherste und man kann sich zugleich ein Bild von der Schneequalität für die Abfahrt machen.

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Sklitourennachwuchs!

Die Alpspitze war aus mehreren Gründen nicht unser Ziel. a) Unser Zug fuhr bereits 15.07 Uhr und wir hatten noch Gepäck im Hotel. b) Die 1200hm hätten die Beine des jungen Mannes gnadenlos überfordert. Es ging um ein Geschmacksmuster, um das Üben von Spitzkehren, die Vermeidung von Überforderung und vor allem darum, ein Abenteuergefühl zu nähren. Wer diesen Gipfelhang einmal in der Sonne gesehen hat, der ist mit dem Skitouren-Virus infiziert. So mein Kalkül. Schauen wir mal, wie es im nächsten Jahr (dann ist er 10) weitergehen wird.

Frisch ausgepackt: Steve Tasane – Junge ohne Namen

Ein Flüchtlingslager irgendwo am Rande Europas. Die Zustände sind katastrophal. Schlamm, Müll, Hunger und Ausweglosigkeit prägen den Alltag der Eingeschlossenen. Erzählt wird aus der Sicht eines 10jährigen, der weder seinen wirklichen Namen noch sein Alter belegen kann, da ihm Geld und Papiere auf der Flucht gestohlen wurden. Er bezeichnet sich in der Behördensprache selbst als „unbegleiteten Flüchtling“. Ein Status der ihn mit E, O, V oder L verbindet. Kinder ohne Eltern, die real sind, aber ohne behördlich feststellbare Identität. Kinder die auf der Flucht Schreckliches erlebt haben und nun jenseits des realen Krieges in Schmutz und Hunger inmitten einer Wohlstandsgesellschaft gefangen sind und deren Existenz geleugnet wird.

Kinder ohne Namen, die sich nur selbst helfen können, weil jegliche humanitäre Hilfe versagt hat. Und Kinder, die Kinder sind. Die das erlebte Leid im Spiel vergessen möchten. Es gibt lichte Momente. Die anrührende Sorge der Kinder umeinander oder ein gelungenes Spiel. Jedes anfängliche Glück wird jedoch durch eine Eskalation im Keim erstickt.

Dieses Cover passt zum Text und sticht aus der immer bunteren „Buchverpackungswelt“ angenehm spartanisch heraus!

Der 10jährige Erzähler berichtet vollkommen unspektakulär über den Alltag in diesem Lager und genau darin besteht die Intensität dieses Textes. Es werden keine dramatischen Fluchtschicksale minutiös beschrieben und keine Täter benannt. Die Stärke und Ungeheuerlichkeit liegt im Ungeschriebenen, in den spürbaren Leerstellen. Die Ansätze von Fürsorge und Menschlichkeit unter den Lagerinsassen sind in Anbetracht des täglichen Überlebenskampfes fast nicht gegeben. Niemand hat mehr die Kraft, um sich die Sorge für ein Kind aufzubürden. Kindheit ist kein schützenswerter Raum, sondern ein Status des Ausgeliefertseins. Es gibt kleine Gesten seitens der Lagerbewohner. Wirkliche Hilfe leistet aber nur die Aktivistin Charity, die in einem Bus im Lager wohnt und die sich um die Kleinsten und um die Mädchen kümmert, um sie vor Gewalt und Missbrauch zu schützen. Hinter Charity steht eine Initiative, aber deren Mittel reichen nicht im Ansatz aus, um die Kinder vor Unterernährung zu bewahren.

Der Bericht endet mit der gewaltsamen Räumung des Lagers und der Zerstörung aller Habseligkeiten. Wo dieses Lager angesiedelt ist, bleibt offen, aber ein Bezug zu der humanitären Katastrophe in griechischen Flüchtlingslagern oder zur Räumung von Calais (am 24.10.2016) liegt nahe.

Abschottung, Leugnung oder Mauerbau gegen zunehmende Flüchtlingsströme sind weltweit eine gängige Praxis. Damit sollen Bürger „befriedet“ und vor „kriminellen Banden“, „islamischer Unterwanderung“ geschützt werden, um einen kompletten Rechtsruck zu verhindern. Die Ursachen dieser Fluchtbewegungen und die Probleme einer Massenzuwanderung sind komplex. In den Schlagzeilen gewisser Leitmedien herrscht eine grassierende Einseitigkeit. Selten findet man den Bericht über eine positiv verlaufene Integration, oder den Arbeitskräftesegen für Handwerksbetriebe. Stattdessen immer neue Horrormeldungen, die die Bürgerängste schüren, Wasser auf die Mühlen von PEGIDA gießen und der ideologischen Hinterfurzigkeit einer sogenannten identitären Bewegung dienen.

In vielen Romanen wurden mit den Mitteln der Reportage Einzelschicksale dokumentiert. Nachdem 2018 wesentlich weniger Jugendromane zu diesem wohl wichtigsten und brisantesten Thema unserer Zeit erschienen sind, als zu erwarten war, liegen 2019 bereits drei interessante und wichtige Novitäten vor.

Als traditionell erzähltes Fluchtschicksal:

Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer, Gerstenberg

Als aufrüttelnde und gegenwärtige Dystopie:

Nicky Singer: Davor und Danach, Dressler

Frisch ausgepackt: Lois Lowry – Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (und wie am Ende alle glücklich wurden)

Zu Beginn ein klares Bekenntnis: Ich liebe schwarzen Humor. Diesen wunderbaren Kontrapunkt zu einer braven, pädagogisch geordneten Welt. Vielleicht liegt das an meiner Mutter, die mich ungewollt mit Antipädagogik zum Lesen gebracht hat. Für sie war das Lesen von Büchern = nutzloses Tun. Um Widerstand zu leisten und sie zur Weißglut zu bringen, habe ich mich vor ihren Augen stets lesend gebärdet. Provozierend wurde in dicken Schmökern geblättert, genüsslich über Bücher geschwärmt, bis irgendwann aus der Protestnote eine echte Leidenschaft wurde. Meine Mutter liest bis heute nicht, aber sie hat mit ihrem indirekten Verbot eine hervorragende Leseförderarbeit geleistet. Hätte sie mich permanent zum Lesen angehalten, so wie das heute viele wohlmeinende Mütter mit ihren Söhnen tun, ich hätte sicher einen anderen Weg beschritten.

Antipädagogische Bücher sind quasi die Keimzelle moderner Kinder- und Jugendliteratur. Ich schreibe nur mal – Pippi … oder Roald Dahl mit seiner wunderbaren Matilda und deren wunderbaren Eltern, die ihr Kind durch Nichtförderung genial geprägt haben. Oder John Boyne und seinem Barnaby Brocket, der von seiner Mutter gemein entsorgt wird, weil sie das fliegen könnende Kind als Peinlichkeit betrachtet. Oder die Stiefeltern von Harry Potter. Oder der richterliche Beschluss in „Löcher“, von Louis Sachar oder ganz banal „Hänsel und Gretel“ und den vielen anderen abstrusen und rabenschwarzen Märchen, die zum Beispiel von Nikolaus Heidelbach passend illustriert wurden und die man am besten nicht in der Biedermeier- sondern in der Urfassung lesen sollte. In guten Büchern sind Eltern selten hilfreich. Sie sind ein Reibungspunkt, eine Oberpeinlichkeit oder ein sonstiges Hemmnis für eine gesunde geistige Entwicklung.

Die amerikanische Autorin Lois Lowry hat nun mit direktem Bezug auf die klassischen Vorlagen ein weiteres Elternpaar hinzugefügt, dessen Kinderliebe und Fürsorglichkeit im negativen Bereich anzusiedeln ist. Mutter und Vater Willoughby kennen nur ein Ziel: Wie können wir unsere schrecklichen Kinder loswerden? Und das Gute daran: Auch die Kinder sehnen das baldiges Ableben der Eltern herbei.

„Liebste?“

„Ja Liebster?“

„Ich muss dich etwas fragen.“ Er kaute einen Moment an seiner Lippe.

„Ja, Liebster?“

„Magst du unsere Kinder?“

„O nein“, antwortete Mrs Willoughby und griff noch ihrer goldbeschichteten Schere, um ein Stück Garn abzuschneiden, das sich verknotet hatte. „Hab ich noch nie. Besonders den Großen. Wie heißt der noch mal?“

(…)

„Ich habe einen Plan“, sagte Mr Willoughby und legte seine Zeitung weg. Er strich sich zufrieden über eine Augenbraue. „Der Plan ist aber absolut verabscheuungswürdig.“

„Wunderbar“, sagte seine Frau. „Einen Plan wofür?“

„Um uns von unseren Kindern zu befreien.“

„Oje, müssen wir sie in den Wald bringen? Ich habe keine geeigneten Schuhe dafür.“

Die Rede ist von vier Kindern, die zwar nicht im Wald ausgesetzt, aber mit einem möglichst fürchterlichen Kindermädchen zurückgelassen werden sollen. Einer eiligen Abreise der Eltern geschuldet, ist das Kindermädchen am Ende weniger schrecklich als beabsichtigt, ja sogar herzensgut. Zudem wird auch noch ein Millionär gerettet, dem die Frau abhanden gekommen und der in der Folge verlottert ist. Ein Findelkind und die Haushälterin bringen ihn zurück ins Leben und da die Eltern der vier Kinder in der Eiger-Nordwand ums Leben gekommen sind, steht einem neuen Familienglück nichts mehr im Wege. Millionär, Haushälterin, Findelkind und eben dieses 4 Rabauken ergeben eine glückliche Familie und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

Eine rabenschwarze Familiengeschichte mit viktorianischen Charme, die ganz bewusst und diese auch zitierend in der Tradition von Poppins, Dickens, Dahl abgefasst wurde. Kunstvoll mit vielen „verabscheuungswürdigen“ Sätzen angereichert, die man gar nicht genug zitieren kann.

Der Text ist zugleich eine literaturhistorische Ausgrabung aus dem Jahr 2008, die von Michael Gutschhahn passend übersetzt wurde und die einen wunderbaren Gegenpol zu den grassierenden Familien-Harmonie-Romanen ergibt. Der passende und kunstvolle Einband sowie die Vignetten stammen übrigens von der Autorin selbst!

So bleibt am Ende nur die Frage, warum uns dieses wunderbare Buch auf dem deutschen Buchmarkt so lange vorenthalten, bzw. erst so spät entdeckt wurde?

 

Was Jungen (und Männer) glücklich macht

Ein Junge ist ein merkwürdiges Gewächs. Stets etwas laut, meist sehr lebendig bzw. kämpferisch und immer auf der Suche nach einer übermächtigen Figur, die helfen soll, die eigenen Ängste niederzuringen. Wo Jungen spielen, bleibt keine Auge trocken, keine Hose sauber und die ordentlichen Gemüsebeete der Großmütter sind in Gefahr, so wie überhaupt jede weiblich geprägte Ordnung. Nichts ist schlimmer, als ein ungelüfteter Knabe und es gibt kein Wetter und sowieso keinen Grund Knaben nicht zu lüften.

Die Ankündigung meiner lieben Frau, dass zwei äußerst lebendige Exemplare unser Wochenende begleiten sollten, erfüllte mich nicht mit Schrecken, sondern mit kreativen Ideen. Die Wetterprognose war verheißungsvoll. Keine Wolken am Himmel, ungewöhnlich warm (für Mitte Februar) und schon von beachtlicher Tageslänge. Ein unverhofftes Geschenk, dass, so das Kalkül, nur zaghafte Wanderer schon nutzen würden. Wer im September wandern geht, wird in beliebten Gegenden spontan kein Zimmer finden. Die deutsche Wanderlust ist so legendär, dass die Amerikaner das Wort nach dem 2. Weltkrieg gleich mit nach Hause genommen haben. Zusammen mit „rucksack“ und „lederhose“. An diesem Februarwochenende war jedoch trotz des schönen Wetters und des Ferienbeginns noch alles zu haben. Sogar eine ganze Burg!

Ein richtiges Abenteuer beginnt immer mit einer „Seefahrt“!

Wandern ist so ziemlich das Langweiligste, was man einem Kind antun kann. Immer wieder sieht man Eltern mit nörgelnden Zöglingen, die den Sinn dieses Tuns nicht begreifen wollen. Dabei ist der Sinn gegeben, man muss es nur richtig anstellen. Richtig heißt, die Wanderung in eine Geschichte und in ein Abenteuer einbetten und dazu natürlich das richtige Terrain wählen. Mit langgeszogenen Forstwegen durch monotone Waldlandschaften wird man wenig Glück haben.

Ideal für eine Abenteuerwanderung, die die Langeweile aussperrt und Knaben in einen Energie verschlingenden Spannungszustand versetzt, ist zum Beispiel das Elbsandsteingebirge. Hier gibt es auf kleinster Fläche Schluchten, Kletterfelsen, Gipfelbücher, Stiegen, Fähren und Burganlagen. Genau das hatte unsere Wanderung zu bieten. Und natürlich wilde Geschichten, mit denen die langweiligeren Abschnitte überbrückt werden konnten. Unter anderem die Legenden vom großen Schnappfisch. Der große Schnappfisch lebt in Tümpeln und in schlammigen Bächen. Er ist perfekt getarnt, kann gewaltige Sprünge vollziehen und er lauert auf unbedachte Kinder, die sich der Böschung arglos nähern. Er lebt dort, wo es langweilig scheint. Wo sich Wege an Gräben endlos dahinziehen und er baut auf das unaufmerksame Kind.

Wo vom großen Schnappfisch die Rede ist, greift auch das lebendigste Kind nach der schützenden Hand und hält sich ängstlich von der Böschung fern. Es ist erfüllt mit Argwohn, ob diese merkwürdige Geschichte wohl stimmen kann. Aber das Staunen über diese geheimnisvolle, unbekannte Welt ist noch groß genug und man weiß ja nie! Aus Argwohn, ob das alles wohl stimmen kann, wird das Wesen dieses Fisches hintergefragt und so entwickeln sich immer wildere Episoden und der endlose Weg ist vergessen bzw. zum Teil einer Geschichte geworden. Wir haben mit Flunker-Wanderungen schon eine erste Kindergeneration infiziert. Orte wie der Mordgrund oder der überaus böse Krüselin-Teufel dürften nachhaltig in Erinnerung geblieben sein! 

 

Endlich auf der Höhe, endlich in der wärmenden Sonne!

Oben auf der Höhe war es sonnig und angenehm warm. Zunächst mussten aber die Täler überwunden werden, wo sich der Schatten und die Kälte eingenistet hatte. Eisige Schneereste, auf denen man schlittern und ausrutschen konnte und wo das Gehen mühsam war und man sich um so mehr nach der unerreichbar scheindenden Sonne auf den Bergrücken sehnte. Aber Schnee hat auch die gute Eigenschaft, Spuren zu konservieren. Und was wäre ein wildes sächsisches Gebirge ohne den Wolf.

Freilich war das ein Hund, aber wen kümmert das schon …

Der Wolf ist in den letzten Jahren einmal mehr zum Untier der Deutschen geworden und er hat es sogar in den Koalititionsvertrag geschafft. Er füllt fast täglich die Spalten in Tagesjournalen. Ähnlich wie der Stoibersche Problembär wird über den Wolf ungeheuer fiel Unsinn verbreitet. Dass die meisten Wolfsübergriffe auf Haustiere gar nicht von Wölfen, sondern den viel gefährlicheren, verwilderten Hunden verursacht werden, kommt in den Medien kaum vor. Mit bösen Geschichten über den Wolf kann man ein Publikum immer unterhalten. Auch die Literatur für die Jüngsten ist voll davon. Es gibt ihn in allen möglichen Facetten. Als dumm-gefrässigen Grobian, als kultivertes Exemplar oder als durchtriebenen Gesellen. Mein Lieblingsbuch mit Wolf heißt übrigens „Steinsuppe“.

Was für eine Geschichte!

Auf dem Höhenweg über Rathen läuft man komfortabel bis zum imposanten Hockstein über dem Polenztal. Von hier kann man zum Greifen nah die Burg Hohnstein betrachten. Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg. Zunächst geht es über eine steile, enge Stiege durch die Wolfsschlucht hinab. Knaben, die bis hierhin die Geschichten vom Wolf als Kinderei belächelt haben, dürften spätestens bei dieser Kulisse nachdenklich werden.

 Aus dem Polenztal zur Burg hinauf kann man sich unromantisch in Straßennähe halten. Biker (also die Motorisierten) lieben diesen Serpentinen-Abschnitt und so dröhnen in der Kernzone des Nationalparks den ganzen Tag schwere Maschinen. Das betrifft nicht die Wintermonate. Im Frühjahr, Sommer oder Herbst ist es hier jedoch kaum auszuhalten. Romantischer kann man über ein Bachtal direkt zur Burg hinaufsteigen. Überall im Wald stößt man auf Befestigungsrelikte und es herrscht im wahrsten Sinne eine ritterliche und mystische Atmosphäre.

Bei dieser Kulisse in diesem geheimnisvollen Tal werden auch die lautesten Jungen stiller

Die Burg selbst hat eine äußerst wechselvolle Geschichte. Die haben alle Festungsanlagen, aber auf  Hohenstein spielen Ideologien eine große Rolle. Sowohl die Nationalsozialisten als auch die Kommunisten haben das imposante Bauwerk als Jugendburg verkauft. Die ersten Jugendburgen wurden schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts gegründet. Sie wurden später in ein Herbergswerk integriert und werden heute als Begegnungsstätten betrachtet. Jugend ist auch heute noch neben den Bikern und den Wanderern eine Hauptzielgruppe. Man kann in schlichten Herbergsräumen oder in einem Hoteltrakt mit etwas mehr Komfort übernachten. Wo immer man ist, überall hängen Hellebarden, Pranger, Armbrüste, Fallgitter oder Fernrohre, mit denen man den Feind ausspähen kann. Jungen die hier nicht glücklich sind, sind kaum vorstellbar.

„Jugendburg“ ist sicher ein tradierter Begriff, aber es schwingt da immer etwas Ungutes mit?

Der nächste Tag begann mit Sonne und einer ausgiebigen Erkundung der Burganlage. Zudem musste ein sicherer Abstieg gefunden werden, was sich als unmöglich herausstellte. Der schönste Weg nach unten war komplett vereist. Es gab gefährliche Stellen ohne Ausweichmöglichkeit und sich selbst und die Kinder im Griff zu haben, war schwer und ein Abenteuer für sich. Zum Glück hatten wir zünftige Wanderstöcke erworben, die obendrein mit einer brauchbaren Spitze versehen waren. Wanderstöcke müssen eigentlich selbst geschnitten, geschält, erprobt und verziert werden. Ein guter Wanderstock ist ein Unikat fürs Leben, das man mit Stocknägeln verzieren kann. In unserer genormten Welt, in der Kinder nur noch über uniformes Spielzeug verfügen, sind Wanderstöcke und Stocknägel eine exotische Nische. Früher gab es gestanzte, kolorierte oder mit Fotos versehene Stocknägel an jedem Kiosk. Heute muss man fragen und oft schon habe ich erlebt, dass nach langer Suche in irgendeiner abgelegenen Schublade noch ein Schatz von „gestern“ gefunden wird. Unsere Stöcke waren leider nicht selbst geschnitten, aber robust und überaus hilfreich. Auch hatten wir im Hohnsteiner Bergsportladen von dem legendären Barfuskletterer und Erschließer des Elbsandsteingebirges Bernd Arnold erste Stocknägel erworben, die wir auf den Steintreppen vor dem Laden mit mikroskopisch kleinen Nägeln und einem geborgten Hammer befestigen konnten. Eine erste Trophäe für’s Wanderleben!

Schöner gelegen kann eine Burg eigentlich nicht sein!

Je weiter wir uns von der Burg entfernten, um so mehr wurde zur Umkehr gedrängt. Eine Heimkehr in die Großstadt war definitiv nicht erwünscht und auf die Frage, warum wir eigentlich nicht auf der Burg wohnen würden, gab es keine akzeptable Antwort. Ein weiterer Höhepunkt war gefragt und natürlich schon geplant. Ich hatte Seil und Klettergurte dabei. Es sollte der Gipfel des Heidesteins bestiegen werden. Ein Knabentraum ist der Eintrag in ein Gipfelbuch, das in Blechkassetten auf den Elbsandsteingipfeln zu finden ist. Ein anderer Enkel hatte sich schon als Kletterer und Gipfelstürmer bewiesen und verewigt. Heute allerdings scheiterten wir an heftigen Winden, einer nassen Schattenseite und ziemlich viel Schiss in der Hose. Trotz allem lautete das Fazit des Tages jedoch: Ich will nicht Feuerwehrmann, Saurierjäger, Astronaut oder Rennfahrer, sondern Bergsteiger werden!

„Wow!“, habe ich gedacht. „Alles richtig gemacht!“.

Die 20 Besten der letzten 20 Jahre – Ein Hoch auf Sheila Och!

Dass man bei der Lektüre von Jugendromanen herzlich lachen kann, ist neuerdings rar gesät. Autoren sind offenbar der Meinung, dass ein Held mindestens die Mutter verloren haben müsse oder dass er unter einer seltenen Krankheit zu leiden habe, um literarisch en vogue zu sein. Pardon, aber das nervt fürchterlich! Als wenn es ohne Krankheit keine richtigen Helden mehr geben könne? Ziemlich angesagt sind diverse Syndrome, von denen man noch nie gehört hat. Irgendetwas Unheilbares, dass den Helden ganz besonders und sehr einsam macht.

Neben den tragischen Helden gibt es natürlich auch die trivialen Bändchen oder diese endlose Klamauk-Reihenkultur, die gern gelesen wird und die auf jeden Fall ihre Berechtigung hat, aber über die man auch nicht weiter schreiben muss.

Herzlich und kratzig lachen zu können, immer wieder durch unerwartete Wendungen verblüfft und nicht mit krampfhaften Pointen gequält zu werden, das sind Lektüreerlebnisse, die ich mir wünsche und die leider viel zu selten auf den Tisch fallen. Zwei Nationen beherrschen das humorvolle Metier besonders gut. In rabenschwarzer Prägung die Briten. Dahl, Ardagh … Meister des Schelmenromans aber sind die Tschechen. Berühmte Vertreter wie Jaroslav Hašek oder Bohumil Hrabal sollen als Beleg genügen. Klamauk, Witz und eine ordentliche Dosis Zeit- oder Staatskritik sind die Merkmale dieses wunderbaren Genres. Humor, der im Halse stecken bleibt und Protagonisten, die man einfach lieben muss.

Sheila Och (1940-1999) hat in ihrer Kindheit und Jugend sowohl britische als auch tschechische Luft geschnuppert und das Schelmen-Gen in einer ordentlichen Portion mit auf den Weg bekommen. Seit 1971 lebte sie in Deutschland, nachdem ihre Familie das Land als Nachwirkung des Prager Frühlings verlassen hat. Dass sie vom Film kommt, ist ihren Texten deutlich anzumerken, ebenso wie die politische Prägung. Texte unaufdringlich mit Zeitkritik zu würzen, ist ein Attribut guter osteuropäischer Kinder- und Jugendliteratur, die mit indirekten Anspielungen einer direkten Zensur aus dem Wege gehen musste. Ich bringe hier mal Christa Kozik und ihrern „Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ als weiteres Beispiel, mit dem in der DDR die Grenzen des politisch Machbaren ausgelotet wurden. Auch Christa Kozik kommt übrigens vom Film.

Sheila Och ist leider viel zu früh verstorben, aber sie hat uns ein so wunderbares Buch wie „Das Salz der Erde und das dumme Schaf“ hinterlassen, das ich als ihren wichtigsten Roman betrachte, auch wenn sie als welchen Gründen auch immer für den wesentlich schwächeren Roman „Karel, Jarda und das wahre Leben“ den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat.

Der Debütroman erzählt von einem Großvater, der sich am braven Soldaten als Charakter eine ordentliche Scheibe abgeschnitten hat. Sein Feind ist der tschechische Staat in den 80/90ern und insbesondere das Jugendamt, vor dem er seine Nichte bewahren muss, da der Vorwurf der Verwahrlosung und seiner geistigen Verwirrung bedrohlich über ihnen schwebt. Die Finten des Großvaters gegen das tschechische Jugendamt sind sehenswert. Besonders gern inszeniert er den eigenen gewaltsamen Tod. Erhangen, gepfält oder enthauptet. Sowohl die Behörden als auch der arme Postbote haben in der Kellerwohnung immer mit einer bösen Überraschung zu rechnen. Leider sind die Finten des Großvaters zum Ende hin erfolglos.

Die behütende Enkelin heißt Jana, sie ist 14 und sie darf erzählen, was hier passiert. Um in den Wendewirren des zusammenbrechenden Staates über die Runden zu kommen müssen beide Zeitungen austragen. Eine Aktion, mit der der Tag beginnt und mit der sie eine bunte Flut an Vulgärkapitalismus in die Haushalte tragen. Jana ist mathematisch und physikalisch begabt und das hilft ihr, in der Schule trotz schäbiger Kleidung in Würde zu bestehen, denn niemand kann sich leisten, auf ihre Nachhilfe zu verzichten.

„Und was ist der Sinn ihres Lebens? Warum sind sie hier?“ 

„Als Gegenpol“, antwortete Großvater völlig unbeirrt.

„Als Gegenpol zu all den herausgeputzten, zufriedenen, vollgefressenen und nicht denkenden Menschen. Ich bin der Kopf, der diese Herde führt.“

Großvater und Enkelin sind bitterarm. Sie haben mit 700 Kronen Pension auszukommen und das heißt weder ordentliche Schuhe noch richtiges Essen. Als Zuverdienst muss im Müll gewühlt, muss Schrott geklaut und es müssen diverse kleinkriminelle Taten begangen werden. Gejammert werden, so das Credo des Großvaters, darf jedoch nicht. Der offensichtliche Mangel wird als Stärke verkauft. Der Großvater sieht sich als Revolutionär und Vorreiter einer neuen Zeit und als Philosoph. Dieser Mission entsprechend versucht er sturzbetrunken von einem Reiterdenkmal herab die Menschheit mit einer wilden Rede aufrütteln, was einen Menschenauflauf und einen Polizeieinsatz samt Wasserwerfer zur Folge hat und ihm ein Strafverfahren wegen öffentlicher Ruhestörung einbringt. Der Großvater ist beglückt. Endlich wird er in die Analen als Revolutionär und Märtyrer für die gerechte Sache eingehen. Doch weit gefehlt. Statt politischer Haft wird er zum Altersheim verurteilt, und die geliebte Enkelin muss ins Internat.   

„Nach Abwägung dieser Umstände hat das Gericht beschlossen, den Angeklagten trotz unstrittiger Schuld von der Anklage freizusprechen und die Angelegenheit dem Sozialausschuß der zuständigen Kommunalbehörde zu übergeben mit der Auflage, für Jan Vanek mit Dringlichkeitsstufe eins einen Platz in einem Seniorenheim und für die minderjährige Jana Vankova einen Platz in einem Internat mit Gymnasium zu suchen.“

Mir wird schlecht. Eine solche Wende haben wir nicht erwartet. Großvater macht Anstalten sich auf den Richter zu stürzen.

„Ich will in den Knast!“ brüllt er. „Das ist in ein paar Jährchen vorbei, aber im Altersheim hab‘ ich lebenslänglich!“

Großvaters Visionen und Welterklärungsversuche sind originell und immer provozierend. Mit seinen Schelmen- oder Lügengeschichten treibt er es jedoch mangels Bildung mitunter zu weit. Seine wilden und verqueren Ansichten über Gott und die Welt fußen auf einem Philosophischen Wörterbuch sozialistischer Machart aus dem Jahr 1953 und auch sein Wissen über Weltliteratur ist begrenzt.

„Nein, wir steigen vorher aus, in Dobris.“ „Ich habe dort einen Enkel, ein Mörder noch minderjährig.“ Großvater lehnt sich bequem zurück, die Frau zittert vor Aufregung. „Das darf doch nicht wahr sein“, setzt sie bald darauf nach, da sie offenbar Angst hat, Großvater würde nicht weitererzählen. „Und wen hat er … ich meine …?“ „Hier, den Papa und die Mama von der kleinen Zdena“, Großvater zeigt auf mich. (…) „Die kleine Zdena hat ihm dabei geholfen“, fährt Großvater fort. „Aber um Gottes Willen, behalten Sie das für sich, das weiß keiner.“ (…) „Sie“, Großvater beugt sich zu den Vordersitzen vor, „die Kleine war zu der Zeit in anderen Umständen, und das Kind wäre im Gefängnis geboren worden, verstehen Sie?“ (…) „Und wissen Sie, von wem sie schwanger war?“ Großvater hebt die Stimme. „Von einem Schriftsteller!“ „Von welchem?“ meldet sich erstmals der Mann am Steuer zu Wort. „Goethe hieß das Schwein“, verkündet Großvater pathetisch. Im gleichen Augenblick quietschen die Bremsen, und schon sind wir draußen. (…) „Der war bestimmt Deutschlehrer an einer Realschule, mindesten“, sagt Großvater, nachdem er schließlich ausgestreckt unter einer Tanne liegt. „Sonst hätte er sich nicht so aufgeregt.“

Sheila Och ist hier ein urkomischer Roman über die Wendewirren und den Zusammenbruch einer sozialistischen Weltordnung gelungen, der 1994 als echtes Aha-Erlebnis gelten konnte. Belehrende Romane über den Zusammenbruch gab es zuhauf. Angeprangert wurden die Gräueltaten, die politischen Demütigungen, der Mangel an Konsumgütern, die Verfolgung Andersdenkender usw. usf. Literatur die wichtig gewesen sein mag und heute längst vergessen ist, da zumeist hölzern und aufklärend angelegt. Ein Jugendroman, der augenzwinkernd entlarvt, nie aufdringlich wird und bei dessen Lektüre man auch heute noch herzhaft lachen kann, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Insofern ein zeitlos amüsierender Roman, der ganz zurecht in die Klassiker-Reihe der Süddeutschen Zeitung aufgenommen wurde. Nicht zuletzt erinnere ich an Sheila Och, da zur Leipziger Buchmesse tschechische Literatur im Fokus stehen wird. Dass sie eine bedeutende Vertreterin war, dürfte (hoffentlich) nach diesen Textauszügen außer Zweifel stehen.

Und ja, der Roman sprengt den Rahmen dieser Rubrik. Das Buch hat 25 Jahre auf dem Buckel, aber was heißt das schon. Immerhin ist der Großvater zum Zeitpunkt der Handlung sagenhafte 190 Jahre alt.

Das Ausfüllen des (Polizei)Protokolls dauert seine Zeit. Die meiste Unruhe stiftet Großvaters Geburtsdatum: 1799. Den Personalausweis hat einer seiner Freunde, der mehrfach wegen Geldfälschung gesessen hat, gegen einen kleinen Unkostenbeitrag bearbeitet. Das Datum ist so perfekt gefälscht, daß es, nachdem wir nicht lockerlassen, ins Protokoll eingetragen wird.