Höchste Berge haben oft ein Problem. Nicht weil sie herausragen und windanfällig sind, sondern weil Menschen die vermeintliche Größe lieben und in endlosen Scharen über sie herfallen. Dabei sind höchste Berge oft nicht schön. Sie wurden mit Gebäuden verunstaltet, mit Buden bestückt oder mit Seilbahnen bzw in diesem Falle mit einer Bahnstrecke verschandelt
Ich habe um höchste Berge (eigentlich) immer einen Bogen gemacht. Als man den Everest noch mit halbwegs gutem Gewissen besteigen und ich Technik und Kondition dafür hatte, fehlten das Geld und der Urlaub. Zwar hatte mir meine Frau grundsätzlich das Recht auf ein Abenteuer eingeräumt, aber meine große Familie zu verlassen und wochenlang in einem häßlichen und vermüllten Basislager herumzuhängen, schien mir nicht sonderlich attraktiv. Es blieben die kleineren Ziele und einige wirklich schwierige Berge und Gipfel, die ich mit Freunden bei Wetterstürzen oder unter Gewitterfronten erreichte und wo wir nicht selten geradeso mit heiler Haut davonkamen. Dass ich die 90er Jahre überlebt habe, wundert mich noch heute. Ich könnte eine lange Reihe von gewagten Touren auflisten, aber wen interessiert das schon.
Irgendwann entschied ich mich für das, was heute neudeutsch als „microadventure“ verkauft wird. Fast mit jeder Dienstreise kombinierte ich ein Abenteuer. Immer hatte ich ein Rad oder mindestens eine superleichte Ausrüstung dabei. Wenn eine Sitzung 17 Uhr zu Ende ging und die anderen noch im Hotel blieben, nahm ich den letzten Zug, um irgendwo auf halber Strecke auszusteigen und noch stundenlang durch pechschwarze oder mondbeschienene Wälder zu laufen. Ich verspürte bei diesen Touren immer eine diebische Freude. Das war wahrhaftig gewonnene Lebenszeit. Wenn die anderen sich morgens zum Zug quälten, erwachte ich irgendwo an einem murmelnden Bach oder auf einer nebligen Bergwiese. Einer dieser Dienstorte war Oldenburg. Auf der Hälfte zu meinem Zuhause lag der Harz und so habe ich 12 Jahre lang zu fast allen Jahreszeiten eine Linie zwischen Bad Harzburg bis nach Wernigerode gezogen.
Nachtwanderer haben den Vorteil, dass sie immer allein unterwegs sind. Am besten ohne Licht, dann sieht man mehr und wird von Jägern nicht entdeckt. Erlaubt ist das Nachtwandern in deutschen Wäldern nicht. Das verbietet das jeweilige Waldschutzgesetz. Um diesen Blödsinn habe ich mich jedoch nie geschert.
Es gibt Menschen, die überkommt eine panische Angst in schwarzen Wäldern. Eine solche Urangst habe ich einmal als Jugendlicher durchlitten und es war kaum möglich, die Panikattacken auszuhalten. Ich war 16 und in einem dunklen Felstal gefangen. Tiere scharrten um mich herum und je mehr ich lauschte, um so schlimmer wurde es. Auch wer das erste mal in einem Herbstwald vom Hirschröhren überrascht wird, dürfte erfahren, was Panik bedeutet.
Zurück zum Höchsten. Im Harz trohnt der höchste Berg Norddeutschlands. Eine Augenweide ist der Brocken wie schon angemerkt nicht. Verbaut, gnadenlos überlaufen (1,4 Millionen Besucher pro Jahr) und ziemlich kahl. Mein halbes Leben war er für mich unerreichbar und fest im Beschlag einer russischen Abhörstation und der direkt daran entlanglaufenden Staatsgrenze. Die größte Annäherung an diesen Berg erlebte ich als 12jähriger. Mein Vater hatte einen Ferienplatz in Ilsenburg ergattert und direkt hinter dem Hotel verlief ein Stahlseil, an dem ziemlich scharfe Hunde auf- und abliefen. Dahinter wiederum verliefen Zäune mit geharkten Sandflächen und Landminen, um DDR-Bürger von der Flucht in den Westen abzuhalten. Zu dieser Zeit machte ich mir darüber wenig Gedanken, nur den von Ilsenburg aus gut sichtbaren Brocken hätte ich gern bestiegen.
Mit 22 Jahren kam ich nur bis Wernigerode, wo ich wegen der angeblichen Absicht, in den Westen fliehen zu wollen, 17 Stunden eingesperrt, verhört und überprüft wurde. Nein, ich war kein Widerständler und auch kein roter Mitläufer. Ich gehörte zu der großen Gruppe von Menschen, die die DDR als notweniges Übel akzeptierten und die eingeschränkten Reisemöglichkeiten erfindungsreich und in einem Katz- und Maus-Spiel mit den Staatsorganen ausdehnten. Gelitten haben wir selten. Stattdessen gab es einigen Spaß im Dialog mit dümmlichen Polizisten, offensichtlichen Spitzeln und überzeugten Staatsvertretern.
Buchtipp: Wer wissen will, wie sich DDR wirklich angefühlt hat und wie das Katz-und Maus-Spiel mit den Staatsorganen funktionierte, der lese den aus meiner Sicht besten und witzigsten, der zahllosen Wenderomane:
Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen.
Der Höchste blieb mir also verwehrt, bis, ja bis dieser Zwergenstaat urplötzlich kollabierte. Es entstand ein Machtvakuum und ein gesetzesfreier Raum, der zwar bald von der Macht des Kapitals geschlossen wurde, aber immerhin ein paar paradisische Jahre mit skurrilen Zuständen zur Folge hatte. Gleich 1990 fiel für mich auch der höchste norddeutsche und erstaunlich alpine Gipfel. Mitten in dem schneereichen Winter näherten wir uns von Wernigerode aus auf Langläufern dem Brockenbett, wo wir in einer offenen Unterstandshütte übernachten wollten. Aus Neugier folgte ich einem frisch getretenen Pfad und landete vor dem Vereinshaus des Wernigeröder Skiclubs, der sich als fröhlich zechende Gesellschaft offenbarte. Zechende Männergruppen sind eigentlich nicht so mein Ding, aber wenn man nett eingeladen wird, kann man unmöglich „Nein!“ sagen. Gelitten habe ich an diesem Abend vor allem, weil die Jungs heizten, was das Zeug hielt, um unter der Hüttendecke eine dieser fürchterlichen Hexenpuppen zum Tanzen zu bringen. 40 Grad sind sicher nicht übertrieben. Ich schlief dann zusammen mit einem Hund in einem zugigen Schuppen, in dem ich der totalen Überhitzung entkommen konnte.
Der Aufstieg zum Brocken am nächsten Morgen ist mir kaum in Erinnerung geblieben. Ich glaube, es ging diese langweilige Straße hinauf.
Auch der zweite Aufstieg erfolgte mit Skiern im Winter. Das war im Dezember 1997 und wir wollten Ausrüstung für den Chimborazo testen. Witziger weise war diese Tour viel härter als der Aufstieg zu diesem 6000er. Der Brocken zeigte, und das habe ich danach immer wieder erlebt, dass er klimatisch eigentlich ein 3000er ist, und dass man sich auf den letzten 80hm bei Sturm durchaus Erfrierungen holen und verirren kann. Bei Minus 12 Grad und Windstärke 10 geht das recht schnell. Der Brocken ist ein Jedermanns-Berg, aber nur wenige schätzen ihn bei fiesen Bedingungen richtig ein.

Irgendwann später hatte ich den Brocken zum Familienziel erklärt, dass jedes meiner Kinder auf möglichst abenteuerliche Weise erreichen sollte. Das sind immerhin 6 und ob sie meinen stillen Zwang und die langen Märsche genießen konnten, wage ich zu bezweifeln. Oft ging es ganz unten los, manchmal aber auch mit der Bahn hinauf. Antonia hatte miterlebt, dass sich bei unserer Tour das Bahnteam unsicher war, ob die Lok es schaffen würde. Oben bei Sturm habe ich dem armen Kind zum ersten mal im Leben Langläufer angelegt. Bis Schierke hinab hatte sie dann Gelegenheit, auf den wackligen Brettern fahren zu lernen. Sie hat es geschafft und schon am nächsten Tag ging es wieder zum Brocken hinauf und über den Hirtenstieg die 900hm Abfahrt nach Ilsenburg hinunter. Das war 2009.
Um Material zu testen oder ein Vorbereitungstraining zu absolvieren war der Brocken immer eine gute Wahl. So haben wir hier für eine anspruchsvolle Wintertour auf die Lofoten unsere Skitourenausrüstung getestet. Menschen mit offenbar ähnlichen Absichten habe ich da oben sogar schon mit Pulkas getroffen

Bei Wanderungen zum Brocken hinauf, sieht man riesige und sich rasch ausbreitende Flächen mit abgestorbenen Fichtenbeständen, die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind. Auf ganzen Hängen liegen Baumgerippe kreuz und quer und nur an den Wegrändern hat man, um Wanderer zu schützen, die Stämme in 4m Höhe abgeschnitten. Schön sieht das nicht aus und man kann sich gut die schimpfenden Sägewerkbesitzer und die auf Ordnung im deutschen Wald bedachten Fußgänger vorstellen. Bei Peter Wohlleben kann man nachlesen, dass die Nationalparkverwaltung das Richtige tut und dank dieses tüchtig schreibenden, aber dubios mit Quellen umgehenden Försters, ist auch bekannt, dass bis zur Entstehung eines intakten Urwaldes 500 Jahre vergehen werden. Vorausgesetzt das Klima spielt mit und die Schutzgebiete fallen keinen künftigen wirtschaftlichen Interessen zum Opfer.
Buchtipp: Wer das Buch wirklich noch nicht gelesen haben sollte:
Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume, Ludwig Verlag, 2016
Und als intellektuelleres Pendant, wo man provokante Aussagen auch wirklich belegt findet und quasi in ein Weltbewusstsein eingebettet findet:
Haskell, David G., Der Gesang der Bäume, Verlag A. Kunstmann, 2017
Der Brocken taugt als „schnell mal Hinaufberg.“ Oder auch als Berg für die nächste Generation. Wenn die eigenen Kinder so schön gelitten haben, warum sollen dann die Enkel verschont bleiben. Genau 10 Jahre nach Antonia, war Kay-Ole mit seiner Skitaufe auf Langläufern an der Reihe. Im Januar nach einer wunderbar kalten und sonnigen Woche. Wir erreichten Ilsenburg am frühen Abend und liefen bei klirrender Kälte zu unserem Hotel ins Ilsental hinein. In dieser Nacht schlug das Wetter um.

26. Januar Wir erwachten bei strömendem Regen und 4 Grad Plus. Fieser kann es das Schicksal nicht meinen. Bis 11 Uhr ließ sich der Aufbruch noch hinauszögern. Da wir mental auf Winter eingestellt waren, hatten wir keine Regenbekleidung dabei. Es gibt versierte Wanderer, die schwören auf den Schirm, als Allheilmittel. Mich hat das nie wirklich überzeugt, aber in diesem Fall schien der Hotelschirm eine geeignete Lösung zu bieten. Ein Flop, wie sich herausstellte. Das Ding war immer im Wege und als wir schließlich genervt aufgaben und das Nasswerden akzeptierten, hatten wir ein weiteres Gepäckstück an der Backe. Die Skier hatte ich mir auf den Rücken geschnallt und die amüsierten Blicke entgegenkommender Wanderer waren nicht zu übersehen. „Stärkt die Rückenmuskulatur!“ waren die harmloseren Kommentare. Ähnlich muss es Skifahrern in der Wüste ergehen. Wir stiegen tapfer auf der Suche nach Schnee immer weiter. Erst nach drei Stunden stießen wir auf erste Reste und 500hm unter dem Gipfel ließen sich die Bretter mit viel Optimismus anlegen. Nicht bewährt hatten sich auch die Schuhe das armen Kindes. Man konnte sie ausschütten. Jeder Mutter wäre das Herz stehen geblieben.

„Stempels Buche“ ist am Brocken immer ein besonderer Platz. Wenn man von Schierke zum Brockenbett aufsteigt und über der Gelben Brink abfährt ,ist hier der tiefste Punkt, ab dem es wieder zum Brocken über den Hirtenstieg hinaufgeht. Ab und bis hier kann man auch in schlechten Wintern mit Schnee rechnen und mit jedem Meter nach oben wird es dann besser. So war es auch an unserem Wochenende. Was mit Optimismus begonnen hatte, wuchs sich rasch zu einer beachtlichen Schneedecke aus und auf dem Brocken lagen in der Tat die auf der Wetterseite versprochenen 1,40 m. Der Aufstieg lief für den jungen Man ganz gut. Der Schnee war nass, die Skier pappten etwas und das half über den etwas kraftlosen Stockeinsatz hinweg.

Auf den letzten 80hm zeigte der Brocken wieder einmal seine Zähne. Wir hielten uns bei Windstärke 10 möglichst im Schatten der Gebäude, aber die Suche nach einem Eingang war nicht leicht. Es hatten sich hohe Wächten gebildet und auf den letzten 20m bis zum Eingang des Brockenhotels verlor Kay-Ole die Nerven. Schneekristalle prasselten ins Gesicht und die Skier rutschen auf der vereisten Schneedecke immer wieder weg. Hier draußen möchte man nicht lange zubringen müssen. Ich krallte mir das arme Kind und kurz darauf umschloß uns die Wärme eines Vorraums. Eine Dame im T-Shirt (!) übergab uns an der Rezeption die Schlüssel für ein großes Zimmer im dritten Stock, dessen Komfort uns nach 4 nassen Stunden des Aufstiegs willkommen war. Früher hätte ich mich für diesen Luxus verachtet. Auch bei solchen Bedingungen hatte ich in den offenen Hütten und einmal sogar kurz oberhalb des Gasthauses Plessenburg unter Bäumen geschlafen. (Damals hatte ich einen neuen Schlafsack für den peruanischen Alpamayo testen wollen.) Mein Luxus-Alibi war Kay-Ole, dem so viel Männlichkeit nicht zuzumuten war. Das Brockenhotel und insbesondere die „Hexenklause“ in der 6. Etage haben einen muchtigen Charme, so wie nach meinem Empfinden auch viele Harzdörfer. Alles ist etwas zu rustikal, linkisch, semiprofessionell. Eine geistige Enge, die ich nicht so mag ohne genau zu wissen warum. Die Harzorte sind possierlich, bilderbuchartig und immer auch kulissenhaft. Überfüllt mit Rentnerbussen und Männerwandergruppen mit klappernden Flaschen im Gepäck. Der Harz bräuchte aus meiner Sicht dringend ein jugendlicheres Marketing, damit er nicht als Oase mobiler Rentner in einer Sackgasse landet. Das massiv auf Mountainbiker gesetzt und dafür einiges getan wird, ist sicher ein richtiger Ansatz.

27. Januar Die Sorge des nächsten Tages galt der Abfahrt über den Hirtenstieg. Die Bedingungen verlangten eine exzellente Schneepflugtechnik, die ich bei Kay natürlich nicht voraussetzen konnte. Hinunterlaufen hätte nicht dem Anspruch an ein Abenteuer entsprochen und so blieb das Vertrauen, in die gut entwickelten Koordinationsfähigkeiten des Kindes. Alles ging gut. Auf dem ersten Stück ist der Berg nicht steil und das reichte zum Eingewöhnen. Danach wurde es eklig. Bruchharsch, schwerer Schnee, keine Ausweichflächen. Ich wartete alle paar Meter auf ein Kind, dass schon beachtlich gut fluchen konnte, aber unermüdlich immer wieder aufstand. Solche Eigenschaften müssen im Leben trainiert werden. Als wir das steilste Stück hinter uns hatten, lief es bis Stempels Buche richtig gut. Wir packten um, und schafften in Ilsenburg sogar den Halbzwei-Uhr-Zug.