Noch vor einer Woche hat uns die Hitze den Verstand geraubt und jetzt kehren wir die Reste eines Herbststurmes von den Gehwegen. Verrückt ist das, aber sicher nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist, dass meine Heimatstadt zu einer Steppenzone verkommen ist. In dieser Oase des Wassers und des Waldes, wofür die Stadt berühmt geworden ist, sterben munter die Bäume vor sich hin und verzweifelte Grünflächenmitarbeiter versuchen jeden Morgen zu retten, was zu retten ist. Aber es sieht schlecht aus. Sehr schlecht sogar. Die jahrhundertelang mit Wasser verwöhnte Auenstadt hat sich gleich an mehreren Fronten das Wasser abgraben lassen. Die Gottspiele der Kohleindustrie haben den Grundwasserhaushalt gestört und die großen Tagebauseen sind zwar ein Segen für die Immobilien- und Tourismusindustrie, aber sie haben auch das Klima verändert. Kleinere Regengebiete schlagen gern einen Bogen um die Stadt. Die Entwässerung durch eine gewaltigen Flussrinne in den 30er Jahren hat den Auwald austrocknen lassen und die bemühte Lokal-Politik übt sich sich zwar in Lippenbekenntnissen und Arbeitskreisen, aber die Taten lassen auf sich warten. Beteiligung und Genehmigung und Prüfung nennt man das. Aber das Klima gibt uns nicht mehr die Zeit für endlose Verwaltungsspielchen.
Aber meine vertrocknende Heimatstadt ist ja nur ein Beispiel für die argen Versäumnisse im ganzen Land. Unser Spiel auf Zeit und der Egoismus des Einzelnen wirft gewaltige Schatten voraus.
Und ja, es gibt auch Hoffnung stiftende Ansätze. Corona hat uns zum Beispiel die Wiederentdeckung der nächsten Umgebung beschert. Die Sehnsucht nach der coronageplagten Ferne ist gedämpft und dieser Dämpfer wird sicher länger andauern, als der Tourismus- und Flugindustrie lieb ist. Gut so! Sehr gut sogar! Nur wer im Lande bleibt, kann auch wahrnehmen, was bedroht ist.
Ob daraus Handlungen folgen werden, halte ich jedoch für unwahrscheinlich. Denn dank Corona stehen zwar ganze Flugflotten still, aber die Daheimgebiebenen haben auch ihre Liebe zum Auto neu entdeckt. Statt diese Liebe von staatswegen einzuschränken, wird der Individualverkehr nun auch noch aus Steuermitteln gefördert.
Dabei ist motorisierter Individualverkehr das Letzte, das wir uns noch länger leisten können, wenn der klimatische Niedergang gestoppt werden soll. Da hilft auch eine Elektromoblität nicht. Diese löst weder das Problem der versiegelten Flächen, noch das Problem der geraubten Stadt-Parkräume.
Die Vernunft zum Verzicht ist selbst bei meinen besten Freunden nicht gegeben. Wenn ich sie auf den Irrsinn von zwei bis drei Automobilen vor ihrer Haus-Tür anspreche, wird nur mit den Schultern gezuckt. Für sie bin ich der irre Öki mit seinen Fahrrädern.
Das Problem ist, dass wir eine Wahl haben. Wenn es regnet und ein Auto vor der Tür steht, werde ich mich hineinsetzen. Und wenn ich eine Tour unternehme, das Wetter umschlägt und mir ein Freund anbietet, mich zurückzubringen, werde ich diese bequem verlockende Angebot annehmen. Weil ich eine Wahl habe. Aufgabe einer vernünftigen Politik muss es also sein, Wahlmöglichkeiten abzuschaffen oder zumindest einzuschränken. Und das hat nichts mit einer Einschränkung persönlicher Freiheiten sondern mit Notwendigkeit zu tun.
Was der Mensch nicht einsieht und was in der Umsetzung notwendig ist, muss die Politik leisten. Da gibt es viele Möglichkeiten, aber eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners wird die Welt nicht retten. Ich habe auch keine Lösung parat, wenn ich auf globale Tendenzen schaue. Ein Gemeinwille scheitert am Populismus. Und statt 5 vor 12 haben sich die Leugner durchgesetzt. Niemand will verzichten. Wenige werden immer reicher, Arme immer ärmer und die Menschen immer mehr. Aber in einem endlichen System in dem nur die Größe Mensch wächst, und zwar exorbitant, kann es ohne Verzicht nicht gut gehen.
Die Politik schafft es noch nicht einmal, das Tempo zu beschränken oder Straßenkosten umzulegen. Oder eine tatsächliche Ressourcensteuer einzuführen. Wie kann ein Auto weniger kosten, als ein gediegenes Fahrrad, frage ich mich, und warum werden Autobahnkosten nicht auf Autofahrer umgelegt. Warum werden Ölkriege und Tankerunglücke und Naturschäden nicht mitgerechnet. Oh je, denn dann wäre eine Auto kein Gefährt mehr, das sich Hinz und Kunz leisten könnte. Noch vor wenigen Jahren waren kleine Autobrötchen angedacht. 1-Liter-Auto und so. Heute heißt der Trend nicht spartanische Bescheidenheit, sondern SUV oder Wohnmobil und Quad und Motorrad und ich weiß nicht was. Wir langweilen uns offenbar zu Tode und wie soll man Einkommensunterschiede besser zeigen können, als in der Mobilität.
Und so bleibt nur eines. Konsequenz vor sich selbst. Echter Verzicht. Echte Konsumenthaltsamkeit. Das rettet nicht die Welt, aber das Gewissen.