Niemand hat so richtig auf dem Schirm, wie das „Ableben“ mal aussehen wird. Das kann zeitlich in der Nähe oder in großer Ferne lauern, man weiß es einfach nicht. Freilich hat man Wünsche. Nichts Zehrendes, irgendetwas Plötzliches und nicht allzu Unwürdiges.
Bei meinen morgendlichen Ritualen denke ich manchmal darüber nach. Zum Beispiel wenn ich eisbade.
Als ich mal vor 10 Jahren mit dem Fahrrad bei 20 Grad minus auf Arbeit fuhr, gehüllt in mein hochalpines Outdoor-Equipement und trotzdem frierend, erfuhr ich aus den Nachrichten, dass eine Frau in Stendal aus ihrem Eisloch nicht wieder aufgetaucht sei.
Zu dieser Zeit war ich noch kein passionierter Eisbader und deshalb konnte ich die Motivation dieser 70jährigen Frau nicht begreifen. „Wie blöd ist das denn!“, dachte ich damals und stellte mir den verzweifelt am Eisloch wartenden Ehegatten vor, dem nur die Latschen und der rosa Bademantel geblieben waren.
5 Jahre später zeigte ich schon mehr Mitgefühl. Ich stand frierend und unentschlossen am Seeufer herum. Es hatte 2 Grad minus und es wehte ein eisiger Ostwind. Es war noch dämmrig und ich wollte die Prozedur der Selbstkasteiung gerade feige abbrechen, als ein winziges Auto den Hang hinabhoppelte. Es entstiegen eine dürre Oma im Badeanzug und ein dick eingemummelter Mann. Der Mann band der Oma noch Schwimmflügel auf den Rücken und dann marschierte sie neben mir in den See. Es hatte noch kein Eis und deshalb schwamm sie gleich los. Ich ließ mich nicht lumpen und folgte ihr mutig. Ich schaffte meine 50 Meter und als ich mich am Ufer stolz abfrottierte, war von der Oma nichts mehr zu sehen. Sie war an mir vorbeigeschwommen und in der Dunkelheit verschwunden.
Den Mann schien das nicht sonderlich zu beunruhigen. Er saß bei laufendem Motor in seinem geheizten Wägelchen und las genüsslich die Bildzeitung.
Ich machte mir Sorgen. Ich versuchte mit meinem Laserblick die Dunkelheit zu durchdringen. Erfolglos. Ich klopfte an die Autoscheibe. „Was denn!?“, fragte der dick eingemummelte Mann, der gerade ein Wurstbrot kaute. „Die Oma“, stotterte ich. „Die Oma ist weg!“.
„Quatsch! Die braucht noch 10 Minuten!“
Und wirklich! 10 Minuten später kam die Oma zurückgepaddelt. Er assistierte ihr wieder liebevoll und dann verschwanden sie in der dunklen Nacht.
Lange fragte ich mich, ob die Oma eine „Erscheinung“ gewesen sei. Eine Eisfee oder ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Sie gehörte aber in ein Nachbardorf, wie ich später erfuhr. Sie war 82 Jahre alt und sollte erst im nächsten Sommer sterben. Ebenfalls beim Baden. Diesmal wartete der Gatte vergeblich.
Heute morgen las ich dann das hier:
Mecklenburg-Vorpommern Mann stirbt beim Eisbaden in der Ostsee: Nachdem er in das drei Grad kalte Wasser gestiegen war, brach er zusammen: Ein 70-Jähriger ist beim Ostsee-Eisbaden in Warnemünde ums Leben gekommen. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. 31.01.2021, 22.35 Uhr. Ein 70 Jahre alter Mann ist beim Eisbaden in der drei Grad Celsius kalten Ostsee ums Leben gekommen. Der Mann ging am Sonntag mit Gleichgesinnten eines örtlichen Eisbade-Vereins in Warnemünde ins Wasser und brach dort kurz danach zusammen, wie die Polizei mitteilte.
Am letzten Sonnabend war ich auch wieder baden. An einem zugefrorenen Kanal. Um das Eis aufzubrechen, sprang ich auf einem Schwimmponton auf und ab. Dann drückte ich die Schollen unter das Eis und ließ mich vom Steg in das Loch hinab. Ich tauchte und schaute durch die Eisdecke den hellen Mond an. Unter dem Eis zu tauchen musste toll sein, aber ich ließ es lieber sein. Ich schlüpfte aus meinem Eisloch in den Stütz und stellte mir vor, wie blöd eine eingefrorener, nackter Eisbader aussehen musste. Wenn es taute und die Krähen schon pickten.
Ob Eisbaden wirklich so gesund ist, wie manche sagen? Ich weiß es nicht.