Eiszeit…

Heute Morgen war ich schon kurz nach sechs beim Bäcker und wurde Ohrenzeuge der Morgenansprache des großen Gauleiters.Wenn der große Gauleiter aus der Nachtschicht kommt, ist er besonders redselig und dann schart er das für ihn arbeitende Volk um sich. Die Frauen vom Fahrdienst, die Altgesellin und den devoten Junggesellen. Auch seine Frau darf den Ergüssen seiner nächtlichen Überlegungen lauschen.

Und er macht sich viele Gedanken beim Brötchen backen. Über steuerliche Vorteile, Ausländer und den faulen „Polacken“, der ihn so schmählich verlassen hat. Heute Morgen ging es um die Trottel, die schon aufs Eis gehen (also mich), wie viele schon eingebrochen seien und dass man sie ersaufen lassen soll.

Und es ging um Buletten. Nicht die zum Essen sondern die unliebsamen Zuzügler aus der Hauptstadt, die hier alles aufkaufen und die dörfliche Kultur zerstören. Denn mit Buletten kamen auch die Bürgerinitiativen, der ernst gemeinte Naturschutz und die hohen Zäune.

Der große Gauleiter kennt sich aus. Er gibt hier die Ideologie vor und seine Frau träufelt sie in kleinen Dosen den Brötchenkunden ein. Ja, ja. Volksredner und Anstreicher sind des Rückrat der Deutschen Geschichte. Der große Gauleiter züchtet auch deutsche Schäferhunde und er ist unser Bäckermeister. Er ist der Nachbar vom kleinen Gauleiter, um den es in letzter Zeit merkwürdig still geworden ist. Vielleicht, weil er einen neuen Freund gefunden hat. Der kleine Gauleiter ist auch nicht ganz so perfide und die Schar seiner Jünger ist klein.

Ich war also auf dem Eis und solches Tun ist zuerst den Einheimischen vorbehalten. Den Eingeborenen also, die noch genau wissen, wie viele hier schon ertrunken sind und wann wer mit dem Fahrrad im Suff im eingebrochen ist. Sie sind der Natur verhaftet. Nur sie kennen die Stimmen des Eises. So war das wirklich einmal. Als ich vor fast zwanzig Jahren hier angekommen bin, gab es alte Männer, die das Eis noch kannten. Die genau wussten, wann und wo und wie man die Kufen schwingen kann und muss.

Diese Stimme des Dorfes ist heute allerdings verstummt und den Friedhof kann man nicht befragen.

Und so ist es auf dem Eis wie in den Berghütten. Es gibt die Ängstlichen, die Philosophen und die Hasardeure. Die einen ziehen früh los, weil man das so macht. Nicht weil die Bedingungen es verlangen. Die anderen haben immer einen Grund, lieber nicht vor die Hütte zu treten und die Hasardeure ziehen einfach los, wenn es ihnen passt. Sie machen, was sie für richtig halten. Sie misstrauen dem Geschwätz und den Konventionen und sie können dramatisch scheitern. Dann haben die Vorsichtigen und die Philosophen wieder Stoff für die nächsten Jahre. Für ihr „Warum man das so nicht macht“. Ich habe noch nie auf Gauleiter gehört und schon auf vielen Bergen gestanden, die man so nicht hätte besteigen dürfen.

Auf dem Eis und im Leben halte ich es genauso.

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