Mondscheingesänge…

Meine liebe Frau hat einen Mondkalender und den befragt sie ziemlich oft. Für die Pflanzen oder ob ich zum Zahnarzt darf. Ich lächle darüber im Stillen. Der Mond ist mir schnuppe und meiner Zahnärztin zu sagen, dass ich bei dieser Mondphase leider nicht kommen kann, würde kaum auf Verständnis stoßen. Aber in der letzten Woche hatte auch mich der Mond „berührt“ und da wurde ich ganz klein und empfindsam und das ging so.

Mein Dorf hatte mal wieder gerufen und ich wollte raus aus dem Lärm der Stadt. Ich lechzte nach einer heilen Welt, jenseits von Inzidenz und Mundschutz. Statt wie zwei Wochen zuvor in einen vereisten ICE bei 20 Grad minus zu steigen, herrschte nun T-Shirt-Wetter. Die Parkanlagen waren voller Menschen. Entfesselte Lebensfreude, die Corona vergessen ließ. Selbst Frau M. hatte eingesehen, dass sich das Volk nicht länger wegsperren lassen würde.

Ich reiste spät und unbescholten in einem leeren Zug. Dafür bin ich Corona dankbar und daran könnte ich mich gewöhnen.

Und als ich pünktlich ankam, war es dunkel und alles schien wie immer zu sein. Ich lag gut in der Zeit. Die Taschen waren gefüllt mit einem leckeren Einkauf. Noch 16 Kilometer durch den Wald und ich würde ich vor einem warmen Ofen sitzen.

Doch als ich über die Brücke fuhr, klebte da über dem See plötzlich ein riesiger Ampel-Mond. Ich dachte nur „wow“ und geriet völlig aus dem Häuschen. Ich fühlte mich klein und klebrig und irgendwie erleuchtet und ich verstand auf einmal den Mond-Tick meiner lieben Frau.

Es geht nichts über eine Vollmondnacht bei Schnee. Das hatte ich in meiner Jugend im eisigen Osten begriffen. Wenn wir aus unseren Schneehöhlen im Winter krochen, um bei Vollmond auf die Schier zu steigen, um es krachen zu lassen. Man hatte das surreale Gefühl, sich in einem Bühnenbild zu bewegen und der Alkohol enthemmte total. In diesen Schneemondnächten gab es rasante Abfahrten und spektakuläre Stürze. Eine große Tour hatten wir zu acht begonnen. Am Ende waren es nur noch drei, die heil nach Hause fuhren. Ja früher…

Diese Mondnacht nun war hell, aber mit schwarzen Rändern. Und mit Schneeflecken auf den Waldlichtungen. Der Wald atmete noch die Kälte des geschmolzenen Schnees. Die Luft war fast mild, aber in jeder Senke lauerte Eishauch.

Als ich die offenen Feldflächen vor meinem Dorf erreichte, wollte ich raus aus der Hast. Ich hatte alle Zeit der Welt und war doch ein Getriebener. Die Nacht war zu schön, um gleich in Räumen zu verschwinden. Ich stieg vom Rad, schob und hörte die Vögel der Nacht. Im Februar sind es die Käuze und die Kraniche und wer neben einem offenen Feld sein Gehöft zu liegen hat, der schläft um diese Zeit nicht gut.

Es fällt mir schwer, langsam zu sein. So war das immer schon, aber irgendwann wird Langsamkeit zur Notwendigkeit. So weit bin ich noch nicht, aber wie früher aus dem Bett zu springen und in den Tag zu rasen, geht schon schlechter. Man muss die Glieder langsam dehnen. Das Dehnen habe ich immer als Mode verachtet, aber nun wird mir der Sinn des Ganzen klar.

Wir werden alle schrullig und langsam, dachte ich. Früher gab es ein Fingerschnipsen und die Freunde waren zum Aufbruch bereit. Heute wird gefeilscht und gehadert. Jeder zelebriert seine Gebrechen und das verflossene Leid. Kalte schlaflose Nächte, schmerzende Knie und den Harndrang in der Nacht. Oh je! Und jetzt jaule ich auch noch den Mond an!

Er hängt da oben, still und weise. Für die Dichter ist er ein verständnisvoller Freund, ein Auge, das wacht und für Andere, die Ungläubigen, nur ein gewaltiger Käse. Ich neige zum Unglauben, aber in dieser Nacht war auch ich empfindsam, klein und schwer beeindruckt, von diesem Mond und meiner Frau, die mit schlauer weiblicher Intuition das Ganze viel eher begriffen hatte.

PS.: Schon am nächsten Tag ging es mir wieder besser. Als ich das Gewächshaus geputzt hatte, pflanzte ich frei und frech Salat, auch wenn mir der Mondkalender zu Möhren geraten hatte.

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