Man hat so seine Pflichten. Blümchen gießen, auf Arbeit gehen, lieb sein – so was eben. Wenn man älter wird kommen soziale Dienste hinzu. Eltern anrufen, Studien finanzieren und …. den Nachwuchs der Kinder betreuen. Da gibt es die milde weibliche Variante. Drei Mädchen, die rumzicken, Einhörner kämmen und kein Kleid anziehen wollen. Oder die Hardcore-Version: Drei Knaben, die man ständig beim „Datteln“ erwischt, die ITunes-Passwörter knacken, um mit Opas Kreditkarte digitale Juwelen zu kaufen. Knaben, die ständig herumschießen und in Bewegung bleiben müssen.
So ein Knabenwochenende beginnen wir im Yoga-Raum (ohne Knaben). Wir stimmen uns ein. Wir sprechen uns Mut zu. Ein ganz ganz tiefes Ohhhmmm… Beruhigungsmittel und ein kleiner Biervorrat sind nützlich. Auch sollte man sich besser gleich in Schichten organisieren, weil dauerhaft steht man es nicht durch. Auch auf eine gute und tiefe Atmung ist zu achten.
Dann geht es los. Wir sind gut organisiert: Folgender Ablauf: Phase a) Läuseschau! Ganz wichtig, wenn man das Haus sauber halten will. Zweimal hatte es schon mit den Tierchen geklappt. Einmal am Weihnachtsabend. Deshalb, never again! Kein Schritt ins Haus mehr ohne Läuse-Schleuse. Da sind wir hart und erfolgreich. Auch an diesem Wochenende wird meine Frau nach kurzer Suche fündig. Zwei befallene Kinder, die zu scheren und entlausen sind.
Phase b) Regeln aufstellen. Das bringt zwar nix, drei Knaben sind eindeutig in der Überzahl, aber da bleiben wir optimistisch. Dann schicken wir sie raus auf die Straße zum Ball spielen. Erschöpfe sie, sage ich immer, aber das hat noch nie geklappt. Zweimal springt nach scharfen Schüssen die Alarmanlage unseres Nachbarn an. Er ist Anwalt und da will ich keinen Ärger. Wir brechen das Bewegungsexperiment ab und stopfen sie ins Haus. Ich unterdrücke den Drang, zum Bierkasten zu gehen. Meine Frau hat gerade heimlich ihre erste Pille geworfen. Das geht gut los.
Wir beschließen, sie heiß zu baden. Das muss ich übernehmen. Einer wird schon 12. Oh ha! Das Bad hilft. Sie werden ruhiger und bespritzen mich. Ich wische mir dem Schaum aus dem Gesicht und lächele tapfer. Das Bad sieht aus, wie eine russische Dampfsauna. Ich verliere zunehmend die Kontrolle und sehe schon Wassertropfen auf dem Haar meiner Frau, die unter uns versucht, ausreichend Nahrungsmengen bereitzustellen, um die Schlünde dieser Bande zu stopfen. Ich versuche mich an meine pädagogische Ausbildung zu besinnen. Vereinzeln! – schießt es mir durch den Kopf. Denn, dieser Macht der nassen Masse bin ich nicht länger gewachsen. Pure Überzeugungskraft hilft nicht. Keiner will der Erste sein. Ich ziehe einen glitschigen, sich windenden Knaben aus dem Wasser und versuche Kraft zu schöpfen. OHHHMMM! Der Coup gelingt! Bald habe ich sie in drei verschiedene Zimmer verfrachtet. Ich habe mit Essensentzug und Fernsehverbot eine Schneise in ihren Widerstand geschlagen. Nun kratzen sie wie wilde Tiere an den Türen und stoßen schrille Schreie aus.
Beim Abendmahl geht es hoch her. Es wird gemampft und gemäkelt. Der Pizzazopf meiner Frau birgt Inhalte, die sie verschmähen und mit den Fingern herauspulen und dann am Teller abstreichen. Die vor Fett triefenden Hände werden blitzschnell an den Sitzkissen gereinigt.
Phase c) Die Abendgestaltung beginnt mit Revierkämpfen. Die Knaben fläzen auf dem großen Sofa, das ich in weiser Voraussicht in grauem Leder und mit ausreichend Platz erstanden habe. Leder erträgt alles und Grau schluckt Flecken und Farbe. Mein Chef-Platz ist bereits belegt. Das hasse ich und ich versuche ihn zurückzuerobern. Noch schaffe ich es, aber was soll das werden. Die Knaben werden größer und stärker und ich älter und schwächer. Meine Frau schlägt Gesellschaftsspiele vor. Die Knaben stöhnen. Sie wollen zocken oder einen Film schauen. Und sie wollen Chips und Eis. Und sie wollen bedient werden, weil sie um ihren Platz auf dem Sofa fürchten. Film ist nicht leicht. Der eine will viel Blut, die anderen keine Alpträume. Wir einigen uns und danken der Filmindustrie für zwei ruhige Stunden.
Phase d) Am nächsten Morgen übernehme ich die Morgenschicht. Die Knaben müssen gelüftet werden und im Knabenlüften bin ich ziemlich gut! Ich packe zwei von ihnen auf mein Lastenrad und dann flitzen wir zum Nachbarort. Ich treffe gute Freunde. Nichts ist für Knaben langweiliger als eine Begegnung von Erwachsenen. Ich schicke sie arglos voraus und begehe einen großen Fehler. Als ich 10 Minuten später die Arena betrete, sehe ich am steilen Hang ein Rad ohne Knaben. Mein Vorschlag für eine rasante Abfahrt wurde falsch und zu wörtlich genommen. Der Hasardeur scheint noch zu leben. Er hat einen Rampenfahrt mit Sprunggraben gewählt. Innere Verletzungen sind nicht auszuschließen. Meine Frau wird schimpfen. Ich bin ein gewissenloser Opa, aber wer könnte auch auf die Idee kommen, da hinabzufahren?? Der Gruppendrang war groß und da setzt bei Knaben der Verstand aus. Ich sehne mich für kurze Zeit nach Einhorn-kämmenden-Mädchen.
Als der Knabe nach weiteren 10 Minuten noch immer lebt, ziehen wir weiter. Die Wiese ist nass und die Füße tropfen. Aber wir finden interessante Gemäuer und einen Bachlauf, über den sie springen wollen. Das geht natürlich schief. Mittlerweile ist alles nass und schlammig und ich beschließe einen letzten wilden Ritt. Wir fegen einen Trail entlang. Die zwei Knaben auf meinem Gepäckträger hopsen wild herum. Sie schreien und juchzen und meinen, dass es mit Oma viel langweiliger sei. Ja, denke ich, aber Eure Überlebenschancen sind bei ihr viel größer!
Auch meine Jugend war wild. Jeden Tag wundert es mich aufs Neue, dass ich so heil davongekommen bin.
Der Rest ist schnell erzählt. Am späten Nachmittag bringen wir sie zurück. Die entsetzliche Furcht, dass die Eltern sie nicht zurücknehmen wollen, erweist sich als unbegründet. Wir drücken uns und weinen ein wenig vor lauter Glück. Wir haben überlebt und können es nicht fassen! Wir werden in den restlichen Stunden das Haus reinigen, versteckte Essensreste suchen und die Nachbarn beruhigen. Meine Frau beginnt erneut zu schluchzen. Ich halte und tröste sie. „Alles wird gut!“, sage ich und streichle sanft ihren Rücken. „Tieeef atmen!“ sage ich.
Enkel sind eine feine Sache. Am besten auf Fotos oder digital! Und niemals im Paket.