Vorab: Menschen, die gern mit dem Kajak unterwegs sind, gehen schnell Hochglanzbroschüren auf den Leim. Dort werden „Geheimplätze“ angepriesen und wer diesen Tipps folgt, landet auf überfüllten und touristisch übererschlossenen Plätzen mit genervten Einwohnern und zu unverschämten Preisen. Wer das mag, ok. Wir freuen uns über die Gutgläubigen, die sich in Mecklen- oder Brandenburg, am Lech oder in den Masuren auf überfüllten Routen drängen und genießen dafür die Einsamkeit auf polnischen Flüssen, die so zahlreich sind, dass es ein ganzes Kanutenleben bräuchte, um auch nur die Hälfte davon abzufahren. Flüsschen mit Trinkwasserqualität, fast ohne Umtragestellen und immer lang genug für mindestens eine Touren-Woche. Immer gut erreichbar, bestens angebunden und frei von den wilden Vorurteilen, die über Polen gepflegt werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, in Frankreich oder Italien beklaut zu werden, dürfte exponentiell höher liegen. Seit 2003 bin ich mindestens einmal pro Jahr in Polen unterwegs. Beklaut, betrogen oder so schamlos ausgenommen (wie in Schweden zum Beispiel) wurde ich noch nie!
Nach der in Schweden (August) erprobten Herbstkälte sollte es (eigentlich) einen Spätsommer geben. So die Hoffnung für unsere Alte-Herren-Tour. Wer bei „Alte-Herren-Tour“ an etwas Gebrechliches denkt, also bierselige Kaffeefahrten, Kniebundhosenwanderrunden und dergleichen, der irrt. Wir zeigen Härte bis die Knie schlackern und die Windeln überlaufen. Wunden und Schmisse, wie im letzten Jahr, sind erwünscht und begehrt. Die machen uns erst so richtig schick. Worum es gehen sollte? Nach Weitwandern, Mountainbiken und Packrafting stand eine Kanu-Tour auf dem Plan. Nicht gediegen, sondern wild und abenteuerlich.

Das Ziel hieß Parsęta. Nein, die Parsęta liegt wirklich nicht in Spanien. Die Parsęta liegt nicht einmal ein bisschen im Süden.
Die Parsęta ist ein Flüsschen in Westpommern. Eines, das flott nach Norden fließt. Es gibt dort viele Flüsschen dieser Art, aber unsere Erfahrungen mit den Nordabflüssen waren schlecht bis durchwachsen.
Die südlichen Abflüsse dagegen sind für die Seele gemacht. Man kann tagelang behäbig dahintreiben. Das schließt die Gwda, die Wdą, die Brda oder die Piława ein. Etwas wilder ist nur die Drawą. Die südlichen Abflüsse sind entsprechend beliebt, und wer hier am Wochenende unterwegs ist …. Oh je!
Aber nach Norden dünnt es sich aus. Allerdings sind hier Opfer zu bringen. Unser erster Opfertour hieß Słupia. Dort hatten wir mehr Zeit an Land als auf dem Wasser verbracht. Beim Umtragen oder beim Boote flicken.
Besser gefallen hatte uns im vergangenen Jahr die Wipper . Dort war es einsam, aber die Wipper fließt schnell und Baumhindernisse können Boote und Kanuten regelrecht plattmangeln. Bei der Wipper haben wir es klug gehalten und bis zum September gewartet. Dann haben polnische Kanuten schon Augen und Zähne geopfert und echte Pionierarbeit geleistet. Umtragegassen sind getreten, Lücken in die umgestürzten Bäume gesägt und zahllose Bierdosen und einzelne Badelatschen schwimmen in den Rückläufen. https://flotteropa.home.blog/2020/09/06/die-wilde-wipper-oder-womit-man-an-einem-sonntag-in-polen-zu-rechnen-hat-tag-2/
Die Wipper hatte Maßstäbe gesetzt und in diesem Jahr standen drei Flüsse zur Wahl, die ihrer ebenbürtig schienen. Die Łupawa, die Łeba und die Parsęta. Alle drei sollten im Oberlauf gleich schrecklich und verrucht sein. Eine flotte Strömung und viele, viele umgestürzte Bäume. Man konnte auf den Webseiten froh grinsende Polen entdecken, die verkeilt in umgestürzten Baumkronen hingen oder ihre Boote über ein glitschiges Ufer zogen. Und weil es zwischen den drei Flüsschen kaum Unterschiede gab, entschieden wir uns für die kürzeste Anfahrt. Vier Stunden, statt der üblichen sieben.
Die Wirklichkeit sah anders aus. Noch auf dem Stettiner Autobahnabschnitt gerieten wir in einem undefinierbaren Stau mit abenteuerlichen Absperrungen. Wer sich im polnischen Straßenverkehr an die Regeln hält, hat schon verloren, wie wir lernen mussten. Staunend sahen wir Fahrzeuge, die hinter uns ausbrachen und sich irgendwie durchschlängelten. Es wurden Grünstreifen und Barken umfahren, um auf gesperrten Spuren nach vorn zu drängen und den folgsamen Deutschen den *Finger zu zeigen. Das waren keine Einzeltäter sondern Hunderte. Wir Braven hatten nicht den Hauch einer Chance und als wir den Stauabschnitt endlich hinter uns gelassen hatten, waren 90 Minuten vergangen.
Ich hatte mir die Zeit mit der Mapy.cz.-Karte vertrieben und dabei eine neue Option entdeckt. Vor der Parsęta floss die Rega der Ostsee entgegen. Die Rega sah auf meiner Karte erstaunlich gut aus, aber so ein Kartenblick kann trügen. Da es bis zum Abend regnen sollte und wir keine Lust hatten, in einem nassen Zelt herumzuliegen, nahmen wir einen Abstecher in Kauf.

Mehrere Stunden schauten wir uns von Brücken aus die Wasserstände und Zugänge an, aber eine geeignete Einsatzstelle war nicht zu entdecken. Der Tag neigte sich und wir waren ratlos und ziemlich genervt.
Eine Stunde vor Sonnenuntergang kurvten wir durch das Städtchen Lobez. Mein Job war es, an den Kreuzungen immer die rechte Seite im Auge zu behalten. Ich konnte nicht Auto fahren und O. sah nicht mehr so gut. Da teilt man sich die Zuständigkeiten. Von rechts kam kein Auto, aber hinter einer Hausecke sah ich viele bunte polnische Badewannen.
Die polnischen Kanuten sind harte Hunde. Sie brauchen keine Hightech-Boote aus Hochleistungsthermoplast. Ihnen genügen flache Kähne in einer unmöglichen Badewannenform. Schwankende Gebilde, die als Gegenentwurf zu jeglicher Stromlinienförmigkeit entwickelt wurden. Wahrscheinlich, um den polnischen Enthusiasmus etwas zu zügeln. Boote, die beim Paddeln Wellen schlagen, aber endlos viele Bierdosen aufnehmen können. Ja, vielleicht war ja eine Bierdose Mutter dieser Bootsklasse, mit der die polnischen Verleihfirmen geflutet werden?
Was ich rechts hinter einer Hausecke mitten in dieser postsozialistischen Stadt hoch über dem Fluss entdeckt hatte, war ein Kajaki-Verleih. Zu so einem Verleih gehört immer auch eine gepflegte Einsatzstelle, ein Parkplatz für die Kundenfahrzeuge und ein Shutteldienst. Genau das, was wir seit Stunden suchten. Wir bogen ein und wurden von zwei Hunden und einem dicklichen Knaben auf einem Kinderrad empfangen.

Der Verleih mutete merkwürdig an. Was bitte sehr sollten Boote mitten in der Stadt? Im schmalen Vorgarten eines Zweifamilienhauses? Man schaute nicht unfreundlich, aber auch ziemlich irritiert aus der Ferne zu uns hin. Als wir wieder abfahren wollten, um die sonnabendliche Feierabendstimmung zu respektieren, trat ein bulliger Typ durch das Tor, dem wir unsere sehnsüchtigen Wünsche antragen konnten. Er nickte und grinste und gab auf Englisch eine verwirrende Ortsbeschreibung ab. Wir sollten ins Zentrum, zu einem Supermarkt, durch eine Gasse, an diesen Fluss heran, durch ein Wäldchen, 50 Meter durch ein Nichts, hin zu einem Zaun, den fortschieben, was er uns eindringlich in Körpersprache vermittelte und was irgendwie mühsam und verwegen aussah. Dazu gab er auf meinem Smartphone eine Adresse ein und aktivierte die Google-Fahrtassistentin, die dann definitiv kein Polnisch konnte und mit asiatischem Akzent von “Drogas“ faselte, aber den Weg gar nicht kannte. Die uns munter im Kreis schickte und ins Weglose abbiegen ließ.
Wir hatten aus der vagen Beschreibung des bulligen Polen „Biedronka“ herausgehört, was eine Supermarktkette ist. Dort ließen wir die Google-Assistentin verstummen, parkten, und suchten hilflos in der Gegend nach dem elysischen Platz, der uns versprochen worden war.
Wir kamen an feiernden Jugendlichen vorbei und an jungen Menschen, die auf billigen Baumarkträdern todesmutig eine Skaterbahn hinabpreschten und dabei mit der rechten Hand Nachrichten auf dem Handy tippten. Am Flussufer saßen modisch bekleidete Frauen, die ebenfalls auf ihr Handy blickten, um so mit den todesmutigen Knaben zu kommunizieren? (Ich verstehe diese Welt nicht mehr!)
Hinter dieser Partymeile lagen ein matschiger Weg und ein gut verschlossenes Tor. Als wir daran ruckelten, blinkten zwei Überwachungskameras. Meist sind die Dinger ja nur Fake, aber wir waren in Polen, wo eher britische Verhältnisse herrschen und der Datenschutz noch nicht erfunden wurde. Ich rief Krzysztof, unseren bulligen Typen an, weil das Winken vor den Kameras nichts brachte.
Zwei Minuten später kam er angebraust und öffnete sein Paradies für uns. Ein wirklich nasser, aber ebener Platz, mit Klo und Unterstand. Mit Steg, Federballnetz, Hängematten und Hängesitzen. Und so wurden wir nach sieben Stunden doch noch glücklich und schauten optimistisch einer Tour entgegen, deren Ausgang so ungewiss war.