Was die Zeitalter wirklich verbindet, ist die Sorge um die nächste Generation. Das war schon immer so, egal in welches Jahrhundert man schaut. Neulich im Dorfkrug ging es auch um die Nichtsnutze von heute. Um die verderbten Zeiten, die angebrochen sind und diese „next generation“, deren Arbeitswille erst einmal ausgegraben werden muss. Die schon mit 20 verkürzt arbeiten wollen, mit 30 an Burnout erkranken (weiß der Teufel wovon) und mit 40 am liebsten aussteigen wollen, um die Welt zu umsegeln und zu sich zu finden.
Das übliche Jammerlied der Alten also, die sich im Grunde nur selbstsüchtig Sorgen um ihre Rente machen. Im Dorfkrug saßen wir und auf meinen Schoß hatte Tussi heimlich ihren Kopf gelegt, um sich kraulen zu lassen. Tussi war nicht mein Hund, Tussi sollte das auch nicht machen, aber sie war ungehorsam und ich mag Ungehorsam.
Auch im hohen Alter noch habe ich mir eine Aufsässigkeit bewahrt. Ich fahre gern mit dem Fahrrad bei Rot über die Kreuzung, wenn niemand kommt, was früh um fünf meistens der Fall ist. Ich steige über Zäune und akzeptiere keine Verbote, die mir niemand erklären kann. Ich bin oft ein renitenter und notorischer Regelbrecher und gerate damit auch regelmäßig in Konflikt mit meiner lieben regelkonformen Frau.
So einer bin ich also. So ein Wohnstubenrevoluzzer! An unserem Tisch bei Wildschwein und uckermärkischen Sahneschnitzel saßen samt und sonders Menschen, die nach dem Ermessen der heutigen Generation Workaholics sind. Wir lieben 10-Stunden-Tage, füllen jede Ritze mit Terminen und können zu keinem Angebot nein sagen.
Ich habe ein halbes Leben mit Ehrenämtern zugunsten der Literatur verbracht, im Winter sitze ich um 6 im Büro, nachdem ich schon eine Stunde Fahrrad gefahren bin und nachmittags um 5 sitze ich oft immer noch dort. Alles landet auf meinem Tisch, weil sich sonst niemand mehr findet, der keine Kinder aus der KiTa holen oder an einem Burnout-Verhinderungs-Programm teilnehmen muss.
Neulich wurde mir sogar ein ehrenamtlicher Akademie-Posten angetragen, weil das keiner mehr machen will und jetzt bin ich in einer Sonderkommission gelandet, um deren Plätze sich früher Hunderte gerissen haben und für die es offenbar nur drei Bewerber gab.
Keiner will mehr und das ist gut so, wie meine Tochter mir erklärte. Sie rechnete mir vor, wie dämlich ich mein ganzes Leben gewesen bin, und dass das heute ganz anders sei, weil man einfach leben will. Yeah!
Nein, ich jammere nicht! Ich will auch nicht die nächste Generation mit Schmutz bewerfen. Ich hoffe nur, sie erstickt nicht an ihrer politischen Korrektheit. Denn ich gehe ja so gern bei Rot über die Kreuzung, ich esse manchmal Fleisch und ich fühle mich jeder Rebellion gegen das bürgerliche Establishment verbunden.
Nur um meine Rente mache ich mir jetzt schon etwas Sorgen… etwas nur … aber schon ein bisschen…