Vatersachen

Viel Zeit habe ich mit meinem Vater nie verbringen können. Zwischen uns stand meine Mutter. Eine Wand aus Argwohn und Eifersucht. Nie gab es ein Vater-Sohn-Wochenende. Weder in den Bergen, noch im Kanu. Niemals saßen wir gemeinsam am Feuer oder haben wir Abenteuer erlebt. Ich war ein Vaterkind ohne Vaterzugang. Warum meine Mutter so eifersüchtig über unsere Beziehung wachte, habe ich nie verstanden.

Mein Vater selbst hatte auch keinen Vater gehabt. Physisch schon. Sein Vater war aus dem Krieg zurückgekehrt. Meine Mutter beschreibt ihn als einen verantwortungslosen Gigolo und Aufschneider. Ob das wirklich stimmt? Es bleiben für mich die wenigen Bilder eines Großvaters, an den ich fast keine Erinnerungen habe. Ein Mann an einem Schreibtisch. Ein Mann in einem Sessel und dann auf dem frühen Totenbett. Ein Mann mit ungleichen Augen und einem verlorenen Blick. Ein Aufschneider? Ein psychisches Kriegsopfer? Ich weiß es nicht!

Mein Vater wurde von seinen Schwestern erzogen und später von meiner Mutter in ihre erstickende Obhut aufgenommen. Entscheidungen hat er nie gefällt.

In den wenigen Stunden, die wir allein verbrachten, strebte er stets zur Mutter zurück. Ein schlechtes Gewissen schien ihn fortzutreiben.

Keinen Vater zu haben, hat mich stark gemacht. Ich stand nie in oder unter einem Schatten. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Die Mütter meiner Freunde hatten um ihre Söhne Angst. Und deren Väter auch. Um mich hatte niemand Angst. Ich konnte meine Grenzen ausloten. Ich war der Verführer meiner Freunde und deren Mütter hassten mich dafür.

Heute kann ich meinen Vater haben, so oft ich will, sagt meine Mutter. Mein Vater ist ein verwirrter Greis. Er kennt mich kaum noch, aber wenn ich ihm Bilder zeige, wird er munter und etwas Glanz kehrt in seinen trüben Blick zurück.

Es gibt fast keine Bilder von uns beiden. Meine Mutter dominiert auch das Fotoarchiv.

Warum ich das alles schreibe? Ich habe in meinem Fotoarchiv aufgeräumt, um meinem dementen Vater eine Freude zu bereiten. Denn bei Bildern erwacht etwas in ihm und verlorene Worte kehren zurück. Ich fand ihn stets im Hintergrund. Verblasst an den Rändern. Hilflos mit hängenden Schultern. Da sinnt man nach.

Wie geschrieben: Kein Vorbild zu haben ist eine gute Schule. Man muss führen oder man wird an den Rändern blass und farblos untergehen. Wie meine Vater zu verblassen, weggedrückt und kommandiert, war für mich nie eine Option. Es war der Schrecken eines Lebensentwurfs, den ich nicht teilen wollte.

Nun, mit fortschreitender Demenz, rührt sich sein Widerstand, gegen ein verfehltes, fremdgesteuertes Leben? Ein Instinkt nur, schwer zu fassen und manchmal aggressiv. Meine Mutter kann mit Widerstand nicht umgehen. Und deshalb darf ich ihn jetzt haben. Meinen Vater, das störrische Kind, dessen Aufbäumen viel zu spät gekommen ist.

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