Schweizer Käse

Das neue Jahr begann mit einem Fest in großer Gesellschaft. An einem Berghang mit Aussicht. Nur der Schnee fehlte. Die Wiesen waren grün und der Mond groß und prächtig. Über uns drohte Ungemach. Nicht am Himmel, sondern weiter oben im Tal, wo sich die Korrupten, Mächtigen und Schönen versammeln wollen. Wir waren in der Schweiz und Davos nicht weit von uns entfernt.

Davos hat viel gelitten. Unter dem Ausbleiben der reichen Russen, unter Corona und unter dem Mangel an Schnee. Nun aber hat sich der Geldadel wieder eingestellt.

Wer unter den Reichen, Mächtigen und Schönen in der nächsten Woche mitwandeln will, muss tief in die Tasche greifen. Für eine schlecht bewertete Unterkunft sind zum Beispiel sind 22.820 Euro zu berappen. Für vier Nächte und ob ein Frühstück dabei ist, weiß ich nicht genau.

Rundum hat sich die Schweizer Miliz in Stellung gebracht. Wir werden gut bewacht. Auch hier, 400 Meter tiefer im Tal.

Unsere Anfahrt war imposant. Um an der Autobahnplakette zu sparen, durchquerten wir eine „Oase“. Im Fürstentum Liechtenstein tragen die Automobile schwarze Nummernschilder. Das wirkt sehr mondän. Liechtenstein ist kein Paradies für Steuerhinterzieher mehr. Liest man. Allerdings bin ich nicht religiös. Mir fehlt der Glaube, um solchen Behauptungen Glauben zu schenken.

Auch die Kürzel UBS jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. UBS hat meine Heimatstadt fast zu Grunde gerichtet. Verurteilte Ganoven dieser Bank wollten 340 Millionen abzocken. Aber das hat nicht geklappt, sonst wäre mein Job im Kultursektor dahin und meine Stadt aus Bankrottgründen jetzt zwangsverwaltet.

Wer in die Schweiz reisen will, darf nicht solche kleinlichen Zweifel hegen. Er muss den Blick anheben und hinüber zu den prächtigen Bergen schauen. So machten wir das. Und wir hatten hier Menschen gefunden, die uns den Glauben an das Gute und an die Schweiz im Besonderen zurückgegeben haben.

Wir tranken mit ihnen Wein aus der Bündner Herrschaft und schauten ins Tal hinab. Wir sahen der Lichterketten, der sich nach Davos hinaufschlängelnden Automobile.

Schweizer, die am Berg leben, sind ungemein fitte Menschen und das entspricht meinem Naturell. Es geht für sie immerzu hinaus und hinauf und es gibt viele Gerichte, die man danach in sich hineinschaufeln kann. Es gibt die Engadiner Nusstorte und die Capuns. Und es gibt viele Begriffe, die ich nicht aussprechen kann. Auch gab es den Röteli und eine köstliche Gerstensuppe. Und Hirschwurst von einem frechen Hirsch, der die Gärten geplündert hat.

Die Bündner Hirsche sind nicht blöd. Sie haben die Gärten der Graubündner entdeckt. 21 000 Hirsche hat es in Graubünden und die Wölfe des Calanda-Rudels kommen nicht hinterher.

Mit den Wölfen ist es in Graubünden wie in Sachsen. Die Menschen lieben sie nicht. Mit den Wölfen ist in Sachsen die AfD gekommen und in der Schweiz gibt es ähnlich „rechte“ Gelüste. Wenn es um den Wolf geht, ist die Menschheit gespalten, auch wenn nicht die Wölfe sondern die Hirsche die Gärten plündern.

Ich bin gern in der Schweiz. Die Menschen sprechen eine Sprache, die ich kaum verstehen kann. Aber das können wir Sachsen ja auch. Reden, dass uns keiner versteht. Hier jedoch klingt es viel schöner.

Die Schweiz ist ein Land zwischen allen Ländern. Umzingelt von Europa. Eine Oase des Geldes und der Berge. Und des Eigensinns. Die Schweiz hat die Kraft, Demokratie wirklich zu Leben. Auch mit dem Wölfen. Die Menschen hier haben eine große Gelassenheit. Noch nie habe ich so tiefenentspannte Exemplare getroffen. Hier herrscht kein aufgescheuchtes deutsches Wesen, sondern die Kraft des Ertragens.

Das Geheimnis der Schweizer Gelassenheit muss noch gelüftet werden. Ich stelle mal eine These auf: Es muss am Käse liegen! Diese runden großen Käse aus bester Milch. Dieser veredelte Heugeschmack. Dieses goldene Gelb. Dieser Geschmack, der den Blick dankbar nach oben richten lässt. Zu den Bergen und den Herren da oben, die über das Wohl einer geschundenen Welt beraten wollen. Ich hoffe, die haben genug Käse dabei.

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