Weil das Wetter schlecht, der Schnee im Tal verschwunden und die Skigebiete weit oben heillos überfüllt waren, bin ich neulich wandern gegangen. Es ging zum Eibsee hinauf. Ich hatte Zeit. Der Zug nach Hause fuhr erst am frühen Nachmittag. Zwischen den Nieselschauern tauchten immer wieder blaue Löcher auf.
Der Weg war eher für Rentner gemacht. Schön ausgewogen in der Steigung und immer mal ein Bänkchen.
Ich war nicht allein. Neben mir schlurfte ein adoleszierender Mensch, der sich vor meinen lebensklugen Ratschlägen mit Inear-Kopfhörern geschützt hatte. Seine höflichen Lautbekundungen lagen irgendwo zwischen Seufzen und Grunzen.
Ich hatte den unwilligen Jungmenschen zum Aufbruch genötigt. Eigentlich wollte er den Morgen im Bett mit seinem Smartphone verbringen. Seine größte Furcht galt den Schuhen. Die waren weiß und stylisch. Die waren nicht für die Berge gemacht. Dieser junge markenbewusste Mensch hasste angeblich kapitalistische Konsumsklaven. Also reiche Bonzen und so. An seiner Gürtelschlaufe baumelte ein überdimensionierter Mercedes-Stern. Beutegut.
Hin und wieder sprach er zu mir. Ich erfuhr, dass man im (linken) schwarzen Block vor allem North Face trägt. „Wow!“ , dachte ich.
Dann versank er wieder in seiner schlurfenden Apathie. Ich hielt jetzt auch die Klappe. Ich musste versprechen, dass er am Eibsee in die Bahn steigen und wieder nach unten fahren durfte. Ich war nicht böse darum.
Bei der letzten Anstiegsetappe passierte es dann. Mein Jungmensch hatte eine schwarze Mülltonne entdeckt, die angekettet vor einem Baum stand. Er stürzte darauf zu. Eine heftige Attacke, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Er kratzt wie verrückt an der Tonne herum. Er murmelte „Krass!“ und „Die Schweine!“
Nein, er meinte nicht das Papier, das um die Tonne herum verstreut lag. Es ging um das, was an der Tonne klebte. Bunte Aufkleber en mass.
Bildchen, die ich übersehen hätte, die aber offenbar eine heftige Botschaft ausströmten. So heftig, dass jetzt mein Jungmensch mit seinen hellen Jeans vor der Tonne kniete und rubbelte. Fluchte und rubbelte.
Dann zog er einen dicken Packen aus der Umhängetasche und klebte seinerseits auf der Tonne herum. Ich ersparte mir erzieherische Ratschläge. Ich sollte den Weg im Blick behalten. Ich war zur Mittäterschaft gezwungen, um hier, in der reinen Bergluft, rechte Tendenzen abzuwehren. Ich war jetzt Teil der Antifa und zog mir den Kragen über den Mund.

Nach dieser Aktion hatte sich die Gesprächsrichtung umgekehrt. Jetzt wurde ich umfassend belehrt. Vor allem ging es um Fußball. Um rechte und linke Vereine. Um befreundete Fanclubs und um Kommerz.
Auch die nächsten Mülltonnen wurden untersucht, gesäubert und neu gestaltet. Mein Jungmensch erklomm sogar Wegweiser. Der harmlose Spaziergang mit Opa war zu einer politischen Aktion mutiert.
Die letzte Mülltonne stand direkt an der Station Eibsee. Ich stand Schmiere und mein Knabe machte sauber.

Danach durfte ich wieder wandern gehen. Ich wollte den Eibsee bewundern und mich auf meine liebe Frau freuen.
Aber plötzlich hatte ich nur noch Augen für Mülltonnen und beklebte Wegweiser. Ich hatte eine vollkommen neue Welt entdeckt, die politischer nicht sein könnte.
Hallo Robert,
ich dachte, ich lese nicht recht: der Eibsee. Den lernte ich ja vor 5
Wochen mit euch kennen und hatte eine wunderschöne Winterrunde (siehe
Fotos).
Stimmt ja: du hattest im Quartier angekündigt, dass du in 4 Wochen
wieder da sein wirst. Schade fü euc, dass dort kein Winter mehr für euch
zu erleben war…
Schönen GruÃ!
Ronald
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