Als ich mit 19 Jahren für 18 Monate der Nationalen Volksarmee beitreten musste, lernte ich zum ersten Mal den Gegenwind einer Truppe kennen. Einer schert aus und alle schlagen zu. Ich war in einem Kaff an der Westgrenze gelandet und Teil einer MotSchützeneinheit. Ich gehörte damit zur Fußtruppe und hatte militärökonomisch besehen die kürzeste Überlebenszeit überhaupt. Irgendwas zwischen 3 und 5 Minuten.
Ich war zu dieser Zeit verliebt und als Kletterer ziemlich fit. Bergsteiger sind Einzelkämpfer und ich stieg ausschließlich am scharfen Ende des Seils. Oft sogar „free solo“. Ich fühlte mich unverletzbar und war nicht bereit, den Gruppenethos zu akzeptieren. D.h. 6 Monate lang irgendwelchen EK’s (Entlassungskandidaten) das Leben zu versüßen. Ich wurde mit Putzorgien und Essensdiensten bestraft. Ich versuchte, den Widerstand der Gleichgestellten zu organisieren. Aber das Mitläufertum liegt dem Menschen im Blut. Credo: wenn ich 6 Monate leide, kann ich bald selbst nach unten treten. Getreten wurde in meiner MotSchützeneinheit viel. Ich erspare hier die unschönen Details.
Das Prinzip der kollektiven Feigheit lernte ich kennen, als ich eines abends die Soldatenstube betrat, mir eine Decke über den Kopf geworfen wurde und fünf Stubenkameraden der fortgeschrittenen Jahrgänge auf mich einschlugen. Einer nahm sogar seinen Schemel zur Hilfe. Eine offene Konfrontation hätten sie nicht gewagt. Aber mit Decke drüber und alle gemeinsam fühlten sie sich stark.
Die zweite Kollektivstrafe erfuhr ich wenig später. Diesmal nicht körperlich, aber weiblich perfide. Ich hatte mein Studium 2 Monate verspätet begonnen, den ganzen Winter gepaukt, ein Herz gebrochen und am Ende als Bester abgeschnitten. Das schürte Neid. Es wurde ein Gerücht in Umlauf gebracht und alle glaubten, ich hätte meine Leistungen erkauft. Tschak. Niemand sprach mehr mit mir und selbst ein angeblicher Freund, mit dem ich gerade noch eine Tour hinter mich gebracht und dem ich mehrmals den Hals gerettet hatte, rückte ab. Ich kämpfte gegen eine Wand, ohne zu wissen, wo der Vorwurf lag. Damals glaubte ich noch an ein kollektives Gemeinwohl. An Ehrlichkeit und den aufrechten Gang.
Als ich zu forschen begann, entdeckte ich den im Osten verpönten Sigmund Freud und seine „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Ein Essay, an dass ich bis heute (leider) glauben muss, auch wenn ich sonst kein Freudianer bin.
Mit Stasi und treuen Parteigenossen sammelte ich weitere ungute Erfahrungen. Aber nach der sogenannten Wende ging es mit der kollektiven Feigheit noch viel wilder zu. Erst ging es um den Stellenerhalt und dann um die Nestbeschmutzer. Zu sagen, was alle dachten, dafür bestraft zu werden und den kollektiven Bodenblick zu erleben, ist eine besonders harte Erfahrung.
Seither bin ich gern wieder am scharfen Ende des Seils unterwegs. Oft denke ich dabei an das oben erwähnte Essay und die Kernthese habe ich mir zu eigen gemacht.
Auf unseren Touren haben wir ein klares Prinzip etabliert. Vor allem, wenn es ans Eingemachte geht. „Zwei sind genug. Drei, gewähren eine klare Entscheidungsfähigkeit und vier sind schon zu viel!“ Mehr braucht es (eigentlich) nicht, um glücklich und erfolgreich zu sein!