Die alljährliche Tour mitten hinein ins babylonische Sprachgewirr. Man sitzt zwangsplatziert mit Menschen am Tisch, die man kaum verstehen kann. Und nach dem dritten „wie bitte“ nickt man einfach nur noch resigniert und erwidert etwas Höfliches, das zu dem nicht Verstandenen passen könnte. Unsere Tischpartner stammen aus den Tiefen des Schwarzwaldes. So viel habe ich noch verstanden.
Auch der Tiroler Kellner gehört zum Kufsteiner Urgestein und ist nicht zu verstehen. Er redet kumpelhaft und vehement auf mich ein. Ich bestelle einfach irgendwas. Paast schoa!!
Wie jedes Jahr sitzen wir im Hinterbärenbad. Ich habe das Hochzeitszimmer ergattert. Wir müssen uns in keine enge Stube quetschen und können vom Balkon aus die Talseite der Kleinen Halt genießen.
Die Hütte liegt auf 860 Höhenmetern. Im Wald, am Bach, recht lieblich, aber auch mit dem großen Nachteil, dass antiautoritär gesonnene Eltern ihre Zöglinge hier hinauf treiben können. Am Wochenende ist die alte Hütte ein gewaltiger Resonanzkörper. Man sitzt im Zentrum aller Dissonanzen und muss am eigenen Leib erfahren, warum gewisse Erziehungsprinzioien doch eine prima Sache sind.
Wir, das bin ich und mein 12jähriger Ziehsohn. Von der Pubertät geplagt, aber noch voller Abenteuerlust. Seit Jahren schon versuche ich ihn für die Berge und das Bergsteigen zu begeistern.
Hinauf scheuche ich ihn, hinab rast er mir davon. Bei der Ankunft haben wir Kufstein passiert, das keine Woche zuvor nur knapp einer Katastrophe entgangen ist. Die gesamte Innenstadt war überflutet. Aber man hat alles wieder weggeputzt. Der Laden muss für die Touristen laufen, auch wenn die Knie noch schlottern,
Dass hier etwas den Bach hinabgeht, und zwar ganz gewaltig, kann man schon seit Jahren beobachten. Der Wald stirbt auf den Höhen und die Errossionsrinnen werden immer breiter und tiefer. Ganze Hänge drohen zu rutschen und die Wege sind kaum noch zu unterhalten.
Heute regnet es den ganzen Tag. Ich genieße den Balkon und den Blick auf eine Regenwaldlandschaft, auf dampfende Wälder und Nebelfetzen. Unter und hinter mir tobt das Chaos. Die Kinder haben die Treppe als Rutsche entdeckt. Die Eltern blicken müde und nicht zur Erziehung bereit.
Ich beschließe zu helfen und setzte zwei freche Zöglinge an die Luft, also hinaus in den Regen. Ich schließe die Terrassentür und verriegle sie gut. Die Göhren greinen und ich feixe durch das Glasfenster.
Nein, so ein böser Onkel bin i net! Ich sitze nur und lausche. Ich staune und lausche. Ich möchte fliehen, aber draußen gießt es jetzt. Es regnet in Strömen. Es blitzt, und der Bach schwillt an.
Unten in Kufstein wird man sich wieder sorgen. Tiefblau zieht es auf dem Regenradar am Nordrand der Alpen entlang und die Münchner schwimmen schon davon. Im Rheinland sind Bootshäuser ein neuer Verkaufsschlager und im Ahrtal denkt man über Pfahlbauten nach.
Das Absurde ist die neue Realität und Armin Laschet kämpft sich mit seinem „Das wird schon wieder!“ väterlich lächelnd und vom Söder gejagt durch den Wahlkampf. Clevere Lügner und Wahlbetrüger haben in Deutschland eine lange Tradition.
Gerade gab es einen gewaltigen „Rums!“. Ein Kind muss von ganz oben gesprungen sein und meine Diele hat sich etwas gehoben. In der Gaststube flackert das Licht und draußen geht die Welt jetzt gänzlich unter.
Um den Wettermonitor schart sich eine Gruppe von Kundigen und versucht die Regenzugbilder zu interpretieren.
Eine Ziege hat sich aus dem Stall getraut. Die anderen schauen der Wagemutigen ängstlich nach. Der Ausflug währt nur kurz, aber nun brechen drei Wanderer auf. Sie Vertrauen auf ihr Gore-Tex pro. Schon an der Kapelle verlieren sie den optimistischen Schwung. Das Kind ist in eine Pfütze gefallen und will nicht mehr.
So ein Regentag hat mehr zu bieten, als ich geglaubt habe. Das Leid der anderen unterhält besser als Netflix, wobei ich diesen dämlichen Streamingdienst noch nie genutzt habe. Kultur als downzuladendes Wegwerfprodukt. In Scheibchen zersäbelt. Süchtig machend für einsame Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben.
Hier oben gibt es weder Flat noch Streaming. Es gibt nur Regen und tobende Kinder.
Mein Knabe vergnügt sich mit meinem Handy und hat schon zum zweiten Mal das Ziffernblatt meiner Smartwatch verstellt. Auch ich bin süchtig nach Endgeräten, aber ich genieße das Funkloch in diesem einsamen Tal.
Wenn nur die Kinder nicht wären….