Ode (oder Abgesang) an den „Kufsteiner“

Die Wirtin meinte am Morgen, der Kufsteiner sei schon in Ordnung.

Nein, der Kufsteiner ist kein Mensch, sondern ein Klettersteig. Ein ganz besonderer, denn da geht nicht jeder hinauf und viele kehren in der Mitte wieder um. In der Mitte kommt die Schwarze Wand und da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer die Schwarze Wand geschafft hat, kann oder will nicht mehr zurück. Und danach wird es nicht schwerer, auch nicht leichter, aber dafür immer ausgesetzter. Man hat richtig Luft unter dem Hintern und das mag ich. Auch hat man den oberen Abschnitten nette Namen verpasst. Neben der Schwarzen Wand gibt es den Latschenkopf, den Adlerhorst oder den Götterquergang. Mein Knabe ist nun zum dritten Mal am Kufsteiner gewesen. Der Kufsteiner ist die Nagelprobe seiner Kunst.

Bis zum Kufsteiner muss man erst einmal 800 Höhenmeter aufsteigen. Das zieht sich. Der Kufsteiner selbst hat 350 Höhenmeter und man landet auf dem unteren Gamskarköpfl. Dort ist es ausgesprochen schön und fast immer einsam. Danach kommt die eigentliche Qual. Der Abstieg ist lang und fürchterlich. Wer den Abstieg nicht kennt, versteigt sich schnell.

Für Menschen, die gerne auf dem Kanapee sitzen, wäre diese Tour ein Graus. Für mich ist es ein Graus, auf dem Kanapee zu sitzen.

Also sind wir schon früh den Bettlersteig hinauf und dort konnten wir das ganze Dilemma eines sterbenden Bergwaldes bewundern. Die Gemeinde müht sich jedes Jahr mit enormen Aufwand den Steig begehbar zu halten, aber das gleicht einem Kampf gegen die metaphorischen Windmühlen. Mit jedem Eingriff machen sie es noch schlimmer. Die Bäume sterben und die Hänge rutschen. Ich beobachte dieses Dilemma seit 20 Jahren schon. Wo früher ein normaler Steig verlief, wurden heute Hängebühnen in den brüchigen Fels „genagelt“.

Die Wand entwässert über mehrere Gräben und die herabkommenden Geröllmassen verhöhnen alle getroffenen Maßnahmen. Der Kufsteiner und dieser Bettlersteig sind für mich ein Indiz des Niedergangs. Man kämpft gegen die Natur an, weil der Tourismus in Schwung gehalten werden muss, denn ohne diesen Steig ist auch die prominente Kaiserrunde passe.

Der Kufsteiner sei in Ordnung, meinte also die Wirtin, aber ich bezweifle, dass sie je dort hinaufgestiegen ist. In Ordnung ist dar gar nix! Mitten in der Wand prangt ein gewaltiges gelbes Loch. Ein Ausbruch, der direkt bis an den Steig heranreicht und der die Anatomie hinter der Fassade offenbart. Es bröckelt und splittert.

Schwarzer Kalk verheißt eigentlich Gutes. Schwarz heißt, da läuft viel Wasser hinab und spült das Lose hinweg. Man findet knackig harte Wasserrillen und man muss den Bruch nicht fürchten. Eigentlich!

Ich hing direkt neben dieser Abbruchkante an einem Seilanker, sicherte den Knaben über die Schlüsselstelle und fürchtete mich.

Was in den Alpen auf uns zukommt, ist gewaltig. Offen kommuniziert wird das kaum. Es gibt Landeshauptmänner in Tirol, die Bergkämme wegsprengen lassen, um auch noch die letzten Gletscherreste für den Skitourismus zu erschließen.

Über die eigentliche Endzeitstimmung und das schon so gut sichtbare Dilemma wird kaum gesprochen. Die Angst, dass Touristen ausbleiben könnten, blockiert eine ehrliche Bestandsaufnahme. Also lassen wir sie noch ein Weilchen herumwurschteln. Ein Ende ist ja bereits absehbar. Es sei denn man ist blind. Betriebsblind eben!

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